"Die Wahrheit" - eine Betrachtung an Beispielen unserer deutschen Geschichte
Alleine die Definition von "Wahrheit" stellt die allermeisten intelligenten Menschen vor ein unlösbares Problem, nahezu identisch mit der unlösbaren Definition von "Gerechtigkeit". Es gab aber Zeiten, da wurde die "Wahrheit" von ganz oben diktiert. Und sie wurde erheblich mißbraucht, um zum Beispiel den Krieg als des "Volkes Wille" in die Köpfe der reichs- deutschen Bevölkerung zu tragen.
Auf den nachfolgenden Seiten lesen Sie viele Artikel aus einer deutschen Wochen- Zeitschrift über den Beginn des ersten Weltkrieges 1914 und den Verlauf dieses Krieges, den das Deutsche Reich samt der österreichischen k&k-Monarchie haushoch verloren hatte. Die besondere Aufmerksamkeit beim Lesen sollte sich auf die heroischen "auschmückenden" Attribute der kriegsverherrlichenden Beschreibungen richten.
Und wie man auch in modernen Zeiten die Wahrheit "manipulieren" könnte oder kann, lesen Sie in dem Buch des Dr. Eduard Stäuble (Fernsehen - Fluch oder Segen) aus dem Jahr 1979.
Diese "Betrachtungen" und Beispiele hier sind noch in Arbeit !
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Die österreichische Kriegsstrategie
„Wien, 30. Juli. Nach einer in den Straßen angeschlagenen Kundgebung sind bei der Einnahme von Belgrad durch die Österreicher zwei Oberleutnants leicht
verletzt worden. Als erste betraten die Infanterieregimenter Nr. 68 und 44 serbischen Boden. Bis „Mittag waren alle wichtigen Punkte der Stadt von den Österreichern besetzt, worauf die Wirksamkeit der österreichisch-ungarischen Kriegsgesetze für Belgrad in Geltung trat.“
Trotz dieser Einzelheiten schien die Einnahme Belgrads doch noch auf sich warten zu lassen, denn die weiterhin gemeldeten Kämpfe an der Grenze dieser Stadt ließen darauf schließen, daß man zunächst keinen Wert auf die Eroberung dieses nur unbedeutend befestigten Platzes legte. Vielmehr spielten sich alle wichtigeren militärischen Operationen an der bosnischen Grenze ab, an der Drina und der Save.
Die Sicherungslinie der österreichischen Truppen an der Drina wurde unter kleineren Kämpfen bis an den Hauptarm dieses Flusses vorgeschoben. Auf österreichischer Seite wurde ein Mann getötet, auf serbischer Seite zehn Mann. Serbische Banden versuchten vergebens, Bjelina zu beunruhigen. Am 30. Juli wurde der große ungarische Schleppdampfer „Allotmany“ mit einem großen Boot im Schlepptau von serbischer Seite mit Feuer überschüttet. Das Schiff geriet in Brand, der aber bald gelöscht wurde, worauf der Schleppdampfer nach dem österreichischen Ufer zurückkehrte. Von den fünf Mann der Besatzung wurden zwei
getötet und einer verwundet. Das Manöver des Dampfers hatte seinen Zweck erreicht, nämlich festgestellt, daß die Belgrader Festung nicht geräumt, sondern von zahlreichen Verteidigern noch besetzt war.
Am 30. Juli wies ein Zug Grenzjäger einen überlegenen serbischen Angriff bei Klotjevac zurück, ohne selbst Verluste zu erleiden. Die Serben büßten dabei einen Offizier und zweiundzwanzig Mann ein. Am nächsten Tage kam es zu einem heftigen Vorpostengefecht an der Save, bei dem von österreichischer Seite auch Artillerie und Flugzeuge eingriffen. Am 30. Juli bezogen serbische Vortruppen südlich von Belgrad bei Adla die erste Verteidigungsstellung. Die Hauptkräfte wurden jedoch zwischen Arangelowatsch und Usice konzentriert. Ein tollkühnes Wagestück unternahmen zwei Grenzjäger aus Mährisch-Schönberg. Sie durchschwammen die mittlere, stark angeschwollene Drina unter feindlichem Feuer und zerstörten die am feindlichen Ufer befindliche serbische Telephonleitung.
Große Massen serbischer Deserteure überschritten bei Peterwardein die österreichische Grenze. Am 3. August hatten sich bereits achttausend Deserteure gemeldet, darunter ein Oberst, der zwei Tage vor Kriegsausbruch seinen Urlaub angetreten hatte. Die Deserteure wurden nach Komorn und Arad befördert. -
Im großen und ganzen waren es innerhalb dieses Zeitraumes nur unbedeutende Gefechte und Plänkeleien, die sich zwischen den Österreichern und Serben abspielten. Für viele Ungeduldige waren die Fortschritte, welche die Österreicher in Serbien machten, viel zu langsam. Man übersah dabei, daß erst die Armee mobilisiert und der Aufmarsch vollendet sein mußte, ehe es zu größeren Schlägen kommen konnte. Wären die Österreicher mit den wenigen Soldaten, die sie in aller Eile an die Grenze geworfen hatten, in Serbien einmarschiert, so wären sie trotz des trostlosen Zustandes der serbischen Armee aufgerieben worden. Die
kleinen Plänkeleien hatten nur den Zweck, Standort und Stärke des Feindes zu ermitteln, um hiernach den Kriegsplan zu entwickeln und zu größeren Schlägen auszuholen.
Daß die Österreicher gute Strategen sind und nicht eher losschlagen, als bis sie auf Erfolg rechnen können, hat die Folge gezeigt.
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- Anmerkung : Auch hier wieder ein Hinweis auf später erzielte Erfolge.
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Die Polen - die treuesten Anhänger der österreichischen Regierung
Der österreichische Thronfolger, Erzherzog Karl Franz Joseph, war am 2. August 1914 in Budapest eingetroffen und wurde von der Bevölkerung begeistert begrüßt. Anfang August begann es sich an der österreichisch-russischen Grenze zu regen. Rußland betrachtete sich bereits als im Kriegszustande mit Österreich und hatte deshalb die Depesche des deutschen Botschafters nicht durchgelassen. Die österreichische Grenzwache wurde von den Russen lebhaft beschossen, womit die Feindseligkeiten von seiten Rußlands eröffnet waren. Am 2. August wurde an der österreichisch-russischen Grenze, nördlich von Lemberg, ein Flugzeug, System Sikorsky, mit einem russischen Piloten, einem Begleitoffiszier und einer Nutzlast von österreichischen Truppen heruntergeschossen. Die beiden russischen Offiziere, die verletzt waren, wurden gefangen genommen.
Die russischen Feindseligkeiten begannen unter einem günstigen Vorzeichen für Österreich. Die Polen waren jetzt in der Stunde der Gefahr die treuesten Anhänger der österreichischen Regierung. Es hatte sich in Österreich bei allen Parteien dieselbe Wandlung vollzogen wie in Deutschland. Uberall waren die Widersprüche und Gegensätze verstummt, alles hatte nur den einen Gedanken, dem Vaterlande in der Not mit Gut und Blut beizustehen. Das Präsidium des Polenklubs veröffentlicht eine Kundgebung, worin die polnische Bevölkerung aufgefordert wird, sie möge in dem schweren Augenblick treu zu dem stehen, mit dem sie die Wohltaten des Friedens geteilt habe. Die Vertretung der polnischen Bevölkerung dieses Landes bringe dem Monarchen ihre Huldigung dar und bekunde vor der Welt, daß die Polen das Vertrauen des Monarchen nicht enttäuschen würden. Die Polen dieses Landes verständen und fühlten es, daß in diesem Augenblick das Schicksal Europas entschieden werden solle und daß die Treue gegenüber dem Monarchen und die Fürsorge für die Monarchie mit den Interessen ihres Volkes übereinstimmten.
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Unsere lieben Vettern jenseits des Kanals
Das Schlagwort von der Hinterhältigkeit unserer lieben Vettern jenseits des Kanals („perfides Albion“) ist französischen Ursprunges. Marianne, die Schutzpatronin Galliens, hatte oft genug Gelegenheit, sich über die Treulosigkeit ihres Galans zu beschweren. 1789, während der französischen Revolution, kam bereits die Redensart vom perfiden Albion auf, und unterm 27. Juli 1840 schrieb Heinrich Heine: „Der Krieg mit dem ,perfiden Albions sei die Parole
aller Franzosen mit Ausnahme der Legitimisten, die ihr Heil nur vom Ausland erwarteten.“ Wie ist es nun heute?
Sicherlich nicht anders; denn die Geschichte lehrt deutlich, daß die Erwartung des Heils vom Auslande, besonders aber von England, die Gefahr bitterer Enttäuschung in sich birgt. Englands Politik bestand ja von jeher darin, aus fremdem Rohre die eigenen Pfeifen zu schneiden. Die Franzosen aber machten Chauvinismus und Revanchegelüste blind für eine solche Erkenntnis. Schon Heinrich Heine sagt im dritten Teil der „Französischen Zustände“:
„Die Engländer haben sehr viel von jener brutalen Energie, womit die Römer die Welt unterdrückt, aber sie vereinigen mit der römischen Wolfsgier auch die Schlangenlist Karthagos. Gegen erstere haben wir gute und sogar erprobte Waffen, aber gegen die meuchlerischen Ränke jener Punier der Nordsee sind wir wehrlos. Und jetzt ist England gefährlicher als je, jetzt, "wo" seine merkantilischen Interessen unterliegen - es gibt in der ganzen Schöpfung kein so hartherziges Geschöpf wie einen Krämer, dessen Handel ins Stocken geraten, dem seine Kunden abtrünnig werden und dessen Warenlager keinen Absatz mehr findet.“
Vorläufig hatte sich unser Vetter jenseits des Kanals einen seiner gewohnten Treubrüche geleistet und damit seinem Beinamen „perfides Albion“ alle Ehre gemacht. Es war am 4. August, an jenem großen Tage, an dem der Kaiser und der Reichskanzler im Reichstage die herrlichen Worte (Seite 34 u.45) gesprochen hatten, die alle Deutschen unter ein Banner vereinigten. Der Parteihader war verschwunden, und alle Deutschen ohne Unterschied erfüllte höchste Kriegsbegeisterung.
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Wir müssen siegen und wir werden siegen!
Alle, die zu Hause geblieben waren oder noch zu Hause bleiben mußten, denn es war ja erst am dritten Tag der Mobilmachung, lasen mit Genugtuung in den Ertrablättern die Reden des Kaisers und des leitenden Staatsmannes. Froh belebt waren alle Hoffnungen, die Fäuste ballten sich gegen unsere Feinde, und jeder rief stolz aus: „Wir müssen siegen und wir werden siegen!“
Eine solche Einigkeit und einmütige Begeisterung festigte in allen Volksgenossen die Uberzeugung, daß es unter diesen Umständen unmöglich sei, zu unterliegen, auch, wenn sich halb Europa im Überfall auf uns vereinigte. Überall wo Menschen zusammen kamen, bildete die große Reichstagssitzung den einzigen Gesprächsstoff. „Wir müssen sehen, wie wir uns durchhauen“, hatte der Reichskanzler gesagt; das war das richtige Wort. Die Soldaten brannten darauf, an den Feind zu kommen, die Frauen feuerten die Männer zum Kampfe an, die Zurückgebliebenen und Zurückbleibenden überboten sich an Opferwilligkeit zur Milderung der Schrecken des Krieges.
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England erklärt Deutschland den Krieg
Doch was war das? Wieder liefen die Zeitungsverkäufer mit Ertrablättern die Straßen entlang. Alles stürzte sich darauf. Starr vor Staunen und bald mit innerer Wut las man folgendes: „Heute, Dienstag nachmittag, kurz nach der Rede des Reichskanzlers, in der bereits der durch das Betreten belgischen Gebiets begangene Verstoß gegen das Völkerrecht freimütig anerkannt und der Wille des Deutschen Reiches, die Folgen wieder gutzumachen, erklärt war, erschien der
großbritannische Botschafter Sir Edward Goschen im Reichstag, um dem Staatssekretär v. Jagow eine Mitteilung seiner Regierung zu machen. In dieser wurde die deutsche Regierung um alsbaldige Antwort auf die Frage ersucht, ob sie die Versicherung abgeben könne, daß keine Verletzung der belgischen Neutralität stattfinden werde. Der Staatssekretär v. Jagow erwiderte sofort, daß dies nicht möglich sei, und setzte nochmals die Gründe auseinander, die Deutschland zwingen, sich gegen den Einfall einer französischen Armee durch Betreten belgischen Bodens zu sichern. Kurz nach sieben Uhr erschien der großbritannische
Botschafter im Auswärtigen Amt, um den Krieg zu erklären und seine Pässe zu fordern. Wie wir hören, hat die deutsche Regierung die Rücksicht auf die militärischen Erfordernisse allen anderen Bedenken vorangestellt, obgleich damit gerechnet werden mußte, daß dadurch für die englische Regierung Grund oder Vorwand zur Einmischung gegeben sein würde.“
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- Anmerkung : Hier wird wiededer ganz deutlich gemacht, die Informationsquellen der Bevölkerung waren ausschließlich die Zeitungen.
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3. August 1914 - die Lage in England
Man kann sich denken, daß diese Nachricht eine ungeheure Erregung im ganzen deutschen Volke hervorrief. Eine Überraschung freilich war sie nicht für jene, welche die Zeichen der Zeit zu deuten wußten. Schon einige Tage vorher hatte England ebenso wie Frankreich und Rußland den Schutz seiner Untertanen Amerika übertragen. Was konnte das anders zu bedeuten haben, als die Parteinahme gegen uns von seiten Englands. Daß die britische Politik nicht für uns eintreten würde, konnten wir auf Grund langer Erfahrungen als sicher voraussetzen. In Regierungskreisen war man auf den Krieg Englands vorbereitet. Aber die deutsche Regierung wollte ihr Möglichstes tun, diesen äußersten Fall zu Verhindern. Deshalb erklärte der Reichskanzler im Reichstage, die ungeschützte Nordküste Frankreichs werde nicht angegriffen werden, wenn England neutral bleibe. Daß auch diese Zusicherung die Kriegserklärung Englands nicht aufhalten würde, konnte man aus der englischen Unterhaussitzung ersehen, die am 3. August stattfand und über die die deutsche Tagespresse bereits am 4. August morgens berichtete. In dieser Unterhaussitzung war eigentlich schon die Kriegserklärung Englands ausgesprochen worden, so daß die Erklärung am Abend des 4. August eben nur eine Formalität war.
Sir Edward Grey sagte in der erwähnten Sitzung des englischen Unterhauses vom 3. August, er habe kein Versprechen gegeben, habe aber sowohl dem französischen wie dem deutschen Botschafter erklärt, daß, wenn Frankreich ein Krieg aufgezwungen würde, die öffentliche Meinung auf Frankreichs Seite treten würde. Er habe in den französischen Vorschlag, eine Besprechung militärischer und seemännischer Sachverständiger Englands und Frankreichs herbeizuführen, eingewilligt, da England sonst nicht in der Lage sein werde, im Falle einer plötzlich eintretenden Krisis Frankreich Beistand zu gewähren, wenn es ihn gewähren wolle.
Er habe seine Ermächtigung zu jenen Besprechungen gegeben, jedoch unter der ausdrücklichen Voraussetzung, daß keine der beiden Regierungen durch das, was zwischen den militärischen und seemännischen Sachverständigen vor sich gehe, gebunden oder in ihrer Entschlußfreiheit beschränkt werde. Seine persönliche Ansicht sei folgende: Die französische Flotte ist im Mittelmeer, und die Nordküste ist ungeschützt. Wenn eine fremde, im Krieg mit Frankreich befindliche Flotte komme und die unverteidigte Küste angreife, so könne England nicht ruhig zusehen.
Nach seiner starken Empfindung sei Frankreich berechtigt, sofort zu wissen, ob es im Falle eines Angriffs auf seine ungeschützte Küste auf englischen Beistand rechnen könne. Grey erklärte, daß er am Sonntagabend dem französischen Botschafter die Versicherung gegeben habe, daß, wenn die deutsche Flotte in den Kanal und in die Nordsee gehe, um die französische Schiffahrt oder Küste anzugreifen, die britische Flotte jeden in ihrer Macht liegenden Schutz gewähren werde. Diese Erklärung bedürfe der Genehmigung des Parlaments. Sie sei keine Kriegserklärung. Er habe erfahren, daß die deutsche Regierung bereit sein werde, wenn England sich zur Neutralität verpflichte, zuzustimmen, daß die deutsche Flotte die Nordküste Frankreichs nicht angreifen werde. Dies sei eine viel zu schmale Basis für Verpflichtungen englischerseits.
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Die Frage der belgischen Neutralitä
Hierauf verbreitete sich Grey über die Frage der belgischen Neutralität und fuhr dann fort: „Ich fürchte, wir werden in diesem Kriege fürchterlich zu leiden haben, gleichviel, ob wir teilnehmen oder nicht. Der Außenhandel wird aufhören. Am Ende des Krieges werden wir, selbst wenn wir nicht teilnehmen, sicherlich nicht in einer materiellen Lage sein, unsere Macht entscheidend dazu zu gebrauchen, ungeschehen zu machen, was im Laufe des Krieges geschehen ist, d. h. die Vereinigung ganz Westeuropas uns gegenüber unter einer einzigen Macht zu verhindern, wenn dies das Ergebnis des Krieges sein sollte. Man sollte nicht glauben, daß, wenn eine Großmacht in einem solchen Kriege sich passiv verhielte, sie am Schlusse in der Lage sein würde, ihre Interessen durchzusetzen. Er sei nicht ganz sicher über die Tatsachen betreffs Belgien; aber wenn sie sich so erwiesen, wie sie der Regierung augenblicklich mitgeteilt worden seien, so sei die Verpflichtung für England vorhanden, sein Außerstes zu tun, um die Folgen zu verhindern, die jene Tatsachen herbeiführen würden, wenn kein Widerstand stattfinde.“
Grey schloß: „Wir sind bisher keine Verpflichtungen über die Entsendung eines Expeditionskorps außer Landes eingegangen. Wir haben die Flotte mobilisiert und sind im Begriff, die Armee zu mobilisieren. Wir müssen bereit sein und wir sind bereit. Wenn die Lage sich so entwickelt, wie es wahrscheinlich erscheint, so werden wir ihr ins Auge sehen. Ich glaube, daß, wenn das Land sich vergegenwärtigt, was auf dem Spiele steht, es die Regierung mit Entschlossenheit und Ausdauer unterstützen wird.“
In dieser Auseinandersetzung des ehrenwerten Sir Edward Grey liest man auch etwas von der „Ehre Englands“, die es erfordere, die Neutralität Belgiens zu schützen. Die Verletzung der belgischen Neutralität durch Frankreich hätte „die Ehre der englischen Nation“ schwerlich herausgefordert, wenn aber Deutschland in der Notwehr als Überfallener eine solche Handlung begeht, dann ist die englische Ehre in Gefahr und man hat einen schönen Anlaß, dem gefährlichen Konkurrenten auf dem Weltmarkte und in der Weltpolitik eins auszuwischen.
Freilich verleugnet sich in dieser Verteidigungsrede Greys für die nationale Ehre auch der englische Krämergeist nicht. Grey meint, der Krieg schlage England schwere Wunden (der Export ruht), einerlei ob England daran teilnehme oder nicht. Also war es schon besser, man nimmt daran teil, um dem bösen Deutschen die Flügel zu beschneiden. Greys amtliche Außerungen rücken erst in die richtige Beleuchtung, wenn man die auf Seite 26 u. folg.
mitgeteilten Depeschen zwischen Kaiser Wilhelm, Prinz Heinrich, König Georg und Zar Nikolaus zum Vergleiche heranzieht.
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Rückblick auf die Depeschen vom 1. August 1914
Eine interessante Ergänzung hierzu bildet das nachstehend wiedergegebene Telegramm, das der König von England dem Zaren am 1. August durch den englischen Gesandten in Petersburg zukommen ließ. König Georg sagte darin:
„Meine Regierung hat von der deutschen Regierung folgende Mitteilung empfangen: Am 29. Juli bat der Zar telegraphisch den Deutschen Kaiser, zwischen Österreich-Ungarn und Rußland zu vermitteln. Der Kaiser folgte dem sofort und tat Schritte in Wien. Ohne die Ergebnisse hiervon abzuwarten, mobilisierte Rußland gegen Österreich. Der Kaiser benachrichtigte den Zaren telegraphisch, daß diese Haltung seine Anstrengungen zunichte mache. Der Kaiser bat ihn außerdem, jedes militärische Vorgehen gegen Österreich-Ungarn zu unterlassen. Der Zar erfüllte die Bitte nicht. Trotzdem setzte der Kaiser seine Unterhandlungen in Wien fort, wobei er so weit ging, wie ihm gegenüber seinem Verbündeten möglich war, und sich auf der Linie hielt, die von England angezeigt war. Während dieser Zeit ordnete Petersburg die allgemeine Mobilmachung des Heeres und der Flotte an. Österreich-Ungarn antwortete daher nichts mehr auf die Schritte des Deutschen Kaisers. Diese Mobilmachung war offenkundig gegen die Deutschen gerichtet. Daher sandte der Kaiser ein Ultimatum an Rußland. Er fragte auf der anderen Seite bei Frankreich an, ob es im Falle eines Konflikts neutral bleiben würde. Ich glaube, daß wir uns einem Mißverständnis gegenüber befinden. Mein heißester Wunsch ist, kein Mittel unversucht zu lassen, um die schreckliche Katastrophe zu vermeiden, welche die ganze Welt bedroht. Ich rufe Dich daher persönlich auf, dieses Mißverständnis zu zerstreuen, das nach meiner Überzeugung plötzlich eingetreten ist und noch gestattet, die Friedensverhandlungen fortzusetzen. Wenn Du glaubst, daß es in meiner Macht steht, in diesem Sinne zu vermitteln, so werde ich alles in der Welt tun, um die Verhandlungen durch die beiden fraglichen Staaten wieder aufnehmen zu lassen.“
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Die Depesche des Zaren an den König von England
Die Depesche des Zaren an den König von England zeichnet sich durch die gleiche Unaufrichtigkeit aus, wie seine Telegramme an unseren Kaiser. Jetzt, nachdem es aller Welt kund geworden war, daß Rußland gerade in den letzten Tagen vor Ausbruch des Krieges das verbrecherische Spiel der Doppelzüngigkeit spielte, erschien der Versuch Nikolaus’ 11., Deutschland und Österreich-Ungarn für den Krieg verantwortlich zu machen, geradezu lächerlich. Charakteristisch ist es, daß im Zarentelegramm des Mordes von Serajewo mit keinem Wort Erwähnung getan wird, obwohl doch gerade diese Bluttat der Ausgangspunkt des österreichischen Vorgehens war. Desto mehr ist natürlich von der Beschießung Belgrads und anderen Dingen die Rede. Eine bewußte Unwahrheit angesichts der von Wien mehrfach abgegebenen gegenteiligen Erklärungen ist auch die Behauptung des Zaren, Österreich wolle Serbien zermalmen. Mit diesen plumpen Versuchen, die öffentliche Meinung Englands gegen uns und unsere Bundesgenossen einzunehmen, wird der Zar Nikolaus wenig Erfolg gehabt haben. Die anständig denkenden Briten haben ja wohl schon längst erkannt, wo die gefährlichen Drahtzieher saßen, die Europa diesen mörderischen Krieg aufgezwungen haben. Und trotzdem stellte sich die englische Regierung an die Seite der russischen Barbarei, die sich anschickte, ihre Machtgelüste auf den Westen Europas auszudehnen. Wo war der Schutz geblieben, den sich die Kultur des europäischen Westens gegenseitig schuldig war ? England setzte sich darüber hinweg. Die Rücksicht auf den geschäftlichen Nutzen und die Absicht, im trüben zu fischen, behielten die Oberhand.
Schließlich sei noch von dem Telegramm Kenntnis gegeben, das der König von Belgien an den König von England gerichtet hat und das von Sir Edward Grey in
der Unterhaussitzung vom 3. August verlesen worden ist. Es lautet:
„In Erinnerung an die zahlreichen Beweise von der Freundschaft Eurer Majestät und Ihres Vorgängers, an die freundliche Haltung Englands im Jahre 1870 und an die Freundschaft, die Sie uns erst kürzlich erwiesen haben, möchte ich mir ein letztes Ersuchen um diplomatische Vermittlung Eurer Majestät zur Wahrung des Bestandes Belgiens erlauben.“
Die Argumente der englischen Opposition
Daß im englischen Volke wenig Neigung für den Krieg mit Deutschland vorhanden war, dafür liegen zahlreiche Beweise vor. Die fadenscheinigen Gründe, die England zum“Beschützer der serbischen Meuchelmörder und russischen Wortbrecher machten, haben an vielen Stellen nicht verfangen. Schon die oben wiedergegebene Rede Sir Edward Greys für den Krieg hatte lebhaften Widerspruch hervorgerufen, sowohl auf liberaler wie auf sozialistischer Seite.
Der mit zwei anderen Kollegen aus dem „Kriegskabinett“ Asquith-Grey ausgetretene frühere englische Minister Burns hat am 14. August d. J. in der Albert Hall in London eine bedeutsame Rede gehalten, in der er die Gründe seiner Mißbilligung der englischen Kriegspolitik auseinandersetzte. Nach der „Korrespondenz Berolina“, die den Wortlaut dieser Kundgebung verbreitet, äußerte sich Burns unter anderem folgendermaßen:
„Meinen Wählern und meinen politischen Freunden will ich Rechenschaft geben über meine Stellung zur Politik Sir Edward Greys und seiner auswärtigen Politik, die in der Aufgabe der Neutralität zuungunsten Deutschlands ihren Ausdruck fand. Ich sah mich gezwungen, aus einem Kabinett auszutreten, das meiner Ansicht nach, weit entfernt, der Kultur zu dienen, sich in ein Abenteuer begibt, das zur Stärkung unserer natürlichen Feinde und zur Zerklüftung unserer inneren wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse führen kann und führen muß. Unsere natürlichste Aufgabe wäre die Durchführung einer strikten Neutralität gewesen - nicht um unserer Volksverwandtschaft mit Deutschland willen, nicht wegen der freundschaftlichen Beziehungen, die wir uns bemühten, mit dem fleißigen deutschen Volke zu pflegen und zu kräftigen, nein, um unserer selbst willen, die wir mit allen unseren Lebensinteressen an einem friedlichen Europa hängen.
Englands Größe offenbart sich im Frieden, Englands Schwäche zeigt sich im Kriege. Wir werden niemals in der Lage sein, ohne fremde Hilfe irgendwelchen Einfluß in der europäischen und außereuropäischen Politik durchzusetzen; wir sind es auch früher nie gewesen. Wir vernichteten Napoleons Flotte bei Trafalgar; wenige Tage darauf schlug Napoleon seinen herrlichsten Sieg bei Austerlitz und warf ganz Europa auf die Knie. Was bedeutete die Niederlage Napoleons zur See gegen seine beispiellosen Erfolge auf dem Lande! Er vergalt unsere Feindschaft mit der Verfügung der Kontinentalsperre, die Englands Handel damals in die tiefsten Abgründe stürzte.
In dem Kriege 1814/15 beschränkte sich die englische Tätigkeit zur Bekämpfung seines damaligen Erbfeindes Frankreich auf die Entsendung eines Expeditionskorps, und diese Truppen wären ohne die preußische Hilfe bei Waterloo dem Verderben geweiht gewesen. Wir sind kein Kriegsvolk, wir haben in der Welt höhere Aufgaben. Wir sind dazu berufen gewesen, dem Fortschritt die Wege zu weisen, und wenn wir uns jetzt in Händel gemischt haben, so bedeutet das die Verkennung unserer natürlichsten Aufgabe.
Die ungeheuren Vorteile der englischen Neutralität
Im Kriege 1870/71 blieben wir neutral, und welche ungeheuren Vorteile hatten wir von der Neutralität! Wir erhielten uns den Handel mit Deutschland und mit Frankreich. Beide Staaten waren während der Kriegszeit gut zahlende Abnehmer. Die französische Entwicklung der Industrie unseres Handels hatte ihren Höhepunkt zur Zeit der Pariser Weltausstellung im Jahre 1867 erreicht. Damals drohte ein Konkurrenzkampf zwischen Frankreich und England auf Leben und Tod, ja, der Markt der Welt schien damals Paris zu werden. Das änderte sich mit 1870/71.
Frankreichs Kräfte wurden während des Krieges gebunden, und in dieser Zeit konnte England seinen Konkurrenten so weit überflügeln, daß es auf viele Jahre hinaus die französische Konkurrenz überhaupt nicht mehr zu fürchten brauchte. Ebenso war es mit Deutschland. Nicht nur, daß die deutsche Entwicklung während des Krieges still lag und so an einen Konkurrenzkampf mit England nicht gedacht werden konnte, Deutschland war auch jahrelang auf englische Erzeugnisse angewiesen, die es früher zum großen Teile aus Frankreich bezog. Wir hätten uns also im Falle der Neutralität beide Staaten als Abnehmer unserer Erzeugnisse erhalten. Der Krieg mit Kontinentalstaaten ist für England ein ganz unmögliches Ding. Die englische Industrie ist auf den Kontinentalexport angewiesen, da England selbst nicht ein Viertel von den industriellen Erzeugnissen abnehmen kann, die es produziert .......
England hat seine Karte auf den französisch-russischen Sieg gesetzt. - Wie aber, wenn Englands Truppen mit den Franzosen gemeinsam geschlagen werden? - Wenn die Kunde von Englands Niederlage und Schwäche hinausdringt in die Kolonien, die fast nichts mehr gemeinsam haben mit dem Mutterlande? Ungeheure Werte gehen dann verloren, und der Verlust an Einfluß auf die kontinentale Politik ist nie mehr - auch in Jahrhunderten nicht - wieder einzuholen.
Deutschlands Industrie ist stark und wird sich auch durch einen verlorenen Krieg nicht schwächen lassen. Ein so kräftiges, seines Wertes vollbewußtes Volk wie das deutsche ist nicht in die Fesseln zu legen, die man ihm schmieden will. Mit beispiellosem Opfermut wird man, wenn wir Deutschlands Flotte zerstören, eine Flotte doppelt und dreifach so groß wieder errichten; so wie im Jahre 1808 Freiherr von Stein das Volksheer zur Bezwingung seines Unterdrückers Napoleon aus dem Boden stampfte, wie man sich damals den letzten Bissen vom Munde abdarbte fürs Vaterland, für die große Idee der Befreiung, so wird dieses Volk, durch eine Niederlage zur äußersten Kraftanstrengung aufgerüttelt, nicht eher ruhen und rasten, als bis es in einem Vernichtungskampf gegen England gesiegt hat. Wo die nationale Einheit so gewaltig und so unzerbrechlich dasteht, da bietet die Vollendung auch der wagemutigsten Ideen keine Schwierigkeiten.
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Europäische Bestandsaaufnahme aus dem Jahr 1914
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Was erreichen wir nun durch eine deutsche Niederlage?
Im gleichen Augenblick wird die russische Macht größer, und Frankreich - nachdem seinem Nacheempfinden gegen Deutschland Genüge geschehen - wird in England den Mohren sehen, der seine Schuldigkeit getan hat und nun gehen kann. Frankreich hat sich nur mit uns verbunden, um Deutschland zu vernichten. Es wird sich keinen Augenblick scheuen, mit uns einen harten wirtschaftlichen Kampf aufzunehmen, und wir sehen uns vielleicht in einigen Jahren gezwungen, gegen Frankreich aus denselben Gründen vorzugehen, wie jetzt gegen Deutschland: aus brutalem Konkurrenzkampf.
Vergessen wir auch folgendes nicht: Kaiser Wilhelm verkündete bei seinem Einzuge in Tanger, er komme als Freund der Mohammedaner - zweihundertfünfzig Millionen Mohammedaner in allen Gebieten des Islams haben an diese Freundschaft geglaubt. Die jetzige Kriegslage aber drängt die Türken an die Seite Deutschlands. Zweihundertfünfzig Millionen Mohammedaner zittern für deutsche Siege und werden ihre Ketten wie Kinderspielzeug abschütteln, wenn Deutschland siegt. Unter englischer Herrschaft leben über hundert Millionen Mohammedaner. Die Fahne Mohammeds wird vorangetragen werden, wenn die Flammen des Aufruhrs in Indien hochschlagen. Man wird den heiligen Teppich aus der Kaaba holen und ihn vorantragen, wenn ein zweiter Mahdi ersteht und über die Leichen der in Khartum stehenden englischen Truppen die Idee der Erweckung des Volkes Mohammeds nach Agypten trägt!
„England spielt mit seiner Existenz, und dieses Spiel ruhig anzusehen, ohne auf die möglichen Folgen hinzuweisen, hieße zum Verräter an der englischen Nation werden.“
Der Krieg gegen Deutschland ist eigentlich nur von einem kleinen Häuflein der Regierungspartei in Szene gesetzt, und selbst diese Kriegshetzer wären still geblieben, wenn sie nicht wider ihren Willen in den Krieg hineingerissen worden wären. Der Überfall auf Deutschland von seiten Rußlands, Frankreichs und Englands war geplant, sollte aber erst im Frühjahr oder Sommer 1916 erfolgen. England sollte bis dahin seinen 1912 aufgestellten Flottenplan durchgeführt haben, Frankreich wollte dann mit der Neugestaltung seiner Armee und Flotte fertig sein. Auch in Rußland bereitete man sich auf den Weltkrieg vor.
Wären unsere Gegner früher fertig gewesen, schon die Einverleibung von Bosnien und der Herzegowina durch Österreich-Ungarn hätte genügenden Anlaß gegeben, daß unsere heutigen Feinde schon 1908 über uns hergefallen wären. 1911 hatten wir den Marokkohandel mit Frankreich, und die englische Kriegsflotte war bereits versammelt und harrte nur des Befehls, über uns herzufallen. Aber noch fühlten sich die Ententemächte zu schwach, so daß die Rache auf spätere Zeit Verschoben wurde. Zu ihrem Leidwesen sprang der Funke früher in das Pulverfaß, als ihnen lieb war. Das Attentat von Serajewo lockte gegen den Willen Frankreichs und Englands Rußland auf den Plan, und notwendigerweise mußte dann Frankreich für seinen Bundesgenossen eintreten.
Nun glaubte England ebenfalls seine Zeit gekommen. Wenn auf einmal auf Deutschland von zwei Seiten losgeschlagen wurde, dann durfte England als der Dritte im Bunde nicht fehlen. Der deutsche Michel hatte nicht geschlafen, wie vielleicht seine Nebenbuhler und Feinde glaubten. Emsig hatte er in segensreichen, wirtschaftlich fruchtbaren Friedensjahren an seiner Rüstung zu Lande und zu Wasser gearbeitet, gründlich, wie es seine Art ist. Jetzt durfte er sich sagen, daß er mit seinem Landheer einer Welt von Feinden die Spitze bieten und einen Gegner zur See, wenn nicht zu Boden zwingen, so doch empfindlich schwächen konnte. Nicht Übermut sollte ihm das Schwert in die Hand drücken. Er wußte, daß er sich eines Tages zu wehren haben würde.
Er hatte die Wehrpflicht zu Wasser und zu Lande und konnte sich auf den Geist seiner Soldaten verlassen, die durchdrungen waren von dem einen Gedanken der Not des Vaterlandes, um dessen Sein oder Nichtsein es sich handelte. Wie anders die Verhältnisse in England, wo ein gesellschaftlich verachtetes Söldnerheer die Landmacht und ebenfalls um Sold dienende Seeleute die Seemacht darstellen. Wie es mit dieser beschaffen ist, ersehen wir aus folgender Stelle in dem Brief eines deutschen Matrosen: „Vor den Briten ist an der Wasserkante niemand bange. Sie haben ja anscheinend nicht einmal genügend Leute für ihre Schiffe. Unseren Fischern haben sie noch kürzlich in Aberdeen achthundert Mark geboten, wenn sie sofort in englische Dienste treten. Wir haben ihnen aber etwas gepfiffen.“
Fortsetzung folgt.
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Illustrierte Kriegsberichte.
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Die Landwehr in den Vogesen - ein Haus in Baden Baden
Bericht eines Augenzeugen. (Hierzu das Bild Seite 73.) St. Dié, 31. August 1914.
Harte Kämpfe waren es, die in den letzten Augustwochen unsere braven Truppen in den Pässen der Vogesen zu bestehen hatten. Man halte sich dabei vor Augen, daß es fast ausschließlich Reservisten und ältere Landwehrmänner waren, denen die bitterschwere Aufgabe zufiel, in einem ungewohnten Gebirgskrieg einen überlegenen Feind zu überwältigen. Auf feindlicher Seite an Zahl weit überlegene aktive Truppen, unter denen sich die Kerntruppen Frankreichs und die Alpenjäger befinden - letztere eine für das Gebirge geschulte, mit äußerster Umsicht und Sorgfalt für den Gebirgskampf ausgerüstete erlesene Truppe von kernigen Menschen.
Dazu kommt noch, daß unserem Gegner vermöge seiner ausgedehnten Spionage zu Friedenszeiten der deutsche Teil der Vogesen sozusagen besser bekannt ist als uns selbst. Über dieses Thema möchte ich einiges Besondere bemerken. In Kenzingen in Baden lagen wir in einem Haus im Quartier, das einer französischen Jagdgesellschaft von Mühlhäuser und Pariser Herren gehört, die in der dortigen Gegend ein Jagdgebiet für 4.000 Mark gepachtet und zweifellos Spionage getrieben haben.
Die ganze Einrichtung und Ausstattung des Hauses ist in französischem Stil gehalten, alles Schriftliche und Literarische, sogar ein Anschlag auf dem Klosett (!) ist nur in französischer Sprache abgefaßt. In den Vogesen erzählte mir ein deutscher Förster, daß dort ein Pariser Herr zusammen mit einem Herrn aus Straßburg eine größere Jagd auf deutschem Boden besitzt. Ersterer ist französischer Reseroeoffizier und kennt, wie der Förster mir berichtete, das dortige deutsche Terrain besser als selbst der Förster.
Diese wenigen Tatsachen zeigen zur Genüge, wie sehr die Gegner jederzeit bestrebt waren, in anscheinend harmloser Weise sich eine gründliche Kenntnis strategisch wichtiger Gegenden in Deutschland zu sichern. Was ich von zwei Fällen erzählte, trifft sicherlich in anderen ungezählten Fällen in gleicher Weise zu. Die internationalen Höflichkeiten, die Deutschland als Kulturträger anderen Völkern zuteil werden ließ, dürften nach Schluß unseres Krieges wohl aufhören und einem rein deutschen Standpunkt im eigenen Vaterlande Platz machen. Anderen Völkern waren wir Lehrmeister und Freund - z. B. Japan! - der Dank ist nur Feindschaft und Gemeinheit gewesen. Neue Zeiten werden neue Gesichtspunkte und neue Ziele bringen.
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Hier eine regelrecht makabre Laudatio auf die toten Kämpfer
Mit jenem aktiven Heer mußten sich vornehmlich unsere Württemberger, und zwar solche, die den Waffendienst zum großen Teil gar nicht mehr gewohnt sind, in wochenlangem Ringen herumschlagen. Wer die alten Leute und bärtigen Familienväter gesehen hat, der konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, daß hier deutsche Volkskraft entschlossen war, die Friedensstörer mit Germanenhänden aufs Haupt zu schlagen, so stark und unbeugsam dieser Wille auch vorhanden zwar, so hat es doch ungeheurer Opfer bedurft, um ein Vorwärtsdrängen über die Grenzen zu bewerkstelligen. Und an diesen Opfern wird die Heimat erst ermessen, daß hier Ungeheures geleistet wurde. Nicht eine offene siegreiche Feldschlacht, die freilich mehr Eindruck macht, ist allein von ausschlaggebender Bedeutung; ein unter dendenkbar schwierigsten Verhältnissen geführter, langwieriger, von Erfolg gekrönter Gebirgskrieg verdient gleiche Würdigung, gleiches Lob.
Ehre unseren tapferen schwäbischen Landwehrmännern in den Vogesen! Und wie haben sie sich geschlagen! Es war oft nicht ein Kampf Mann gegen Mann - bei Artilleriekampf ist das ja überhaupt seltener der Fall - es war ein Ringen mit listigen Bestien. Im Walde saßen die Feinde auf Bäumen hoch droben und knallten auf die nichtsahnenden Ankömmlinge todbringende Salven herunter. Wie oft kam es vor, daß jene beim Unterliegen weiße und gelbe Tücher schwenkten, als Zeichen, daß sie sich ergeben wollten, und dann, sobald unsere Leute das Feuer einstellten und sorglos zur Gefangennahme sich näherten, von neuem ein mörderisches Schnellfeuer eröffneten. Man wird sich denken können, daß solche völker- und menschenrechtswidrige Kampfesweise, wie das häufig vorgekommene Schießen von Verwundeten auf Krankenträger und anderes, unsere Leute Mann für Mann in erbitterte Kampfeslöwen gewandelt hat, denen zwar Unmenschlichkeiten nicht geläufig sind, deren Stoßkraft aber ein ohne Begeisterung kämpfender Feind nicht abzuwehren vermag.
Mit den Unseren Seite an Seite schlug sich tapfer ganz Süddeutschland. Wenn man bedenkt, daß hier von älteren Leuten Aufgaben hatten gelöst werden müssen, für die sie von vornherein als ältere Reservisten und Landwehrleute nicht bestimmt und denen sie aus Mangel an Übung anfänglich wohl auch nicht gewachsen waren, so wird man über die gewaltigen Taten staunen, die auf diesem Kampfesfeld geleistet worden sind. Wahrhaftig: furchtlos und treu hat jeder Schwabe sich geschlagen und mitgeholfen, das Land vom Feinde zu reinigen und der Welt die deutsche Art zu beweisen Die Heimat kann stolz sein auf ihre ruhmreichen Sohne.
- Wo solche Streiter ringen,
- Sie werden Lebend oder tot der Heimat Segen bringen.“
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Prinz Friedrich Karl von Hessen und die „81er“.
(Hierzu das Bild im Heft Seite 65.)
Wie immer, so ist es auch in diesen blutigen Tagen den deutschen Fürsten heilige Pflicht gewesen, mit den Truppen in den Kampf zu ziehen und ihr Leben einzusetzen. Prinz Friedrich Wilhelm zur Lippe-Detmold, der Oheim des regierenden Fürsten, fiel beim Sturm auf Lüttich, ihm folgte Prinz Ernst zur Lippe in den Tod, Prinz Friedrich von Sachsen-Meiningen, ein jüngerer Bruder des Herzogs Bernhard, wurde bei Namur von einer Granate tödlich getroffen, und dessen Sohn, Prinz Ernst, Bruder der Großherzogin von Sachsen-Weimar, fiel ebenfalls.
Ihnen reiht sich würdig an Prinz Friedrich Karl von Hessen, ein Vetter des Groszherzogz Ernst Ludwig. An der Spitze dez Infanterieregiments Nr.81, dessen Kommandeur er ist, hat er sich besonders in dem Gefecht bei Libramont in Belgien, wo ein deutsches Armeekorps drei französischen gegenüberstand, hervorgetan.
Uber den Verlauf des Treffens berichten zwei verwundete Musketiere von den 81ern: „Samstag den 22. August hatten wir unser erstes Gefecht. Gegen vier Uhr nachmittags bekamen wir den Befehl, zur Unterstützung anderer Truppen den von den Franzosen besetzten Ort Mersaille, 10 Kilometer südwestlich von Libramont, anzugreifen. Mit aufgepflanztem Seitengewehr ging es durch den Wald. Da begegneten uns schon Verwundete von zwei anderen Infanterieregimentern. Bald waren wir vorn und wurden vom Feind mit Granaten und Schrapnells beschossen. Rechts und links lichteten sich unsere Reihen, aber es ging rastlos vorwärts. Als wir den Wald verlassen hatten, sahen wir in einer Entfernung von etwa 150 Metern eine Höhe, die von feindlicher Infanterie und Artillerie besetzt war. An Deckung war nicht viel Vorhanden. Wir standen mitten im Hafer und schossen auf den Feind, dann ging es im Laufschritt zum Sturm auf die Anhöhe und Mersaille.
Dabei ergriff unser Oberst, Prinz Friedrich Karl von Hessen, eine Fahne und trug sie uns voran. Daß nicht alle fielen, liegt an dem schlechten Schießen der Franzosen, die wohl heftig drauflos knallen, aber nicht dabei zielen. Bald war die Stellung in unserem Besitz und der Feind in voller Flucht. Wir verfolgten ihn 10 Kilometer weit. In einem Schützengraben fanden wir etwa ein Dutzend Franzosen, die keinen Laut von sich gaben und Tote markierten. Wir merkten aber bald die List und machten sie zu Gefangenen. Der Feind erlitt starke Verluste, aber auch wir hatten viele Leichtverwundete.“
Dieser "Bericht" (Anmerkung : eine ziemlich verblödete Darstellung von Hurra- Patriotismus - dem Feind ungedeckt ins offene Gewehrfeuer zu laufen) sei durch einen Feldpostbrief ergänzt, den der Großherzog Ernst Ludwig an seine Gemahlin gerichtet hat.
Der darin erwähnte Friedrich ist der Prinz Friedrich Karl von Hessen. „Die Hauptsache ist,“ heißt es in dem Schreiben, „daß wir den Sieg haben. Bei uns fing die Schlacht in dichtem Waldgestrüpp an. Es war ein furchtbarer Kampf. Ich erinnere mich auch, daß mein Vater sagte, das schlimmste sei ein Waldgefecht, wobei keiner den anderen sieht. Die folgende Nacht schliefen wir alle in einem Haus auf Stroh, hoffend auf den nächsten Tag. Dieser brachte uns eine siegreiche Verfolgung. Gestern stand uns der Feind mit neuen Kräften gegenüber. Unsere Leute mußten nach der am vorherigen Tage geschlagenen Schlacht Tag und Nacht laufen, um zur Stelle zu kommen. Unsere Regimenter haben sich so großartig geschlagen, daß alles davon sprach. Friedrich ist ein Held, seine Leute begeisternd immer voran. Man erlebt zuviel. Der Tod wird Nebensache. Man sitzt zwischen Toten, Verwundeten und Pferden. Es ist alles, als ob es so sein müßte.“
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