"Die Wahrheit" - eine Betrachtung an Beispielen unserer deutschen Geschichte
Alleine die Definition von "Wahrheit" stellt die allermeisten intelligenten Menschen vor ein unlösbares Problem, nahezu identisch mit der unlösbaren Definition von "Gerechtigkeit". Es gab aber Zeiten, da wurde die "Wahrheit" von ganz oben diktiert. Und sie wurde erheblich mißbraucht, um zum Beispiel den Krieg als des "Volkes Wille" in die Köpfe der reichs- deutschen Bevölkerung zu tragen.
Auf den nachfolgenden Seiten lesen Sie viele Artikel aus einer deutschen Wochen- Zeitschrift über den Beginn des ersten Weltkrieges 1914 und den Verlauf dieses Krieges, den das Deutsche Reich samt der österreichischen k&k-Monarchie haushoch verloren hatte. Die besondere Aufmerksamkeit beim Lesen sollte sich auf die heroischen "auschmückenden" Attribute der kriegsverherrlichenden Beschreibungen richten.
Und wie man auch in modernen Zeiten die Wahrheit "manipulieren" könnte oder kann, lesen Sie in dem Buch des Dr. Eduard Stäuble (Fernsehen - Fluch oder Segen) aus dem Jahr 1979.
Diese "Betrachtungen" und Beispiele hier sind noch in Arbeit !
.
Unsere deutsche Luftflotte
Schließlich sei noch eine Waffe erwähnt, mit der wir unseren Gegnern schwere Wunden schlagen können: unsere Luftflotte. Wenn auch die französisch-russische Luftflotte der Zahl nach größer zu sein scheint als die unsrige, so steht sie ihr an Leistungsfähigkeit doch weit nach. Der Kriegsverlauf wird zeigen, welch überlegene Waffe die deutsche Luftflotte darstellt, wenn ihr erst einmal Gelegenheit geboten sein wird, ihre Wirksamkeit in vollem Umfange zu entfalten.
Bei der Einnahme von Lüttich, also schon etwa am fünften Tage der deutschen Mobilmachung, ist bereits ein Zeppelin-Luftschiff erfolgreich in Tätigkeit getreten. Somit können wir getrost den Kampf gegen unsere Feinde aufnehmen. Die deutsche Nation wird dem greisen Grafen Zeppelin nie genug dafür danken können, daß er ihr eine so herrliche Waffe geschenkt hat.
.
Nocheinmal der Rückblick auf den 28. Juni 1914
Der 28. Juni 1914 war für die habsburgische Monarchie ein Schicksalstag, wie es einen gleichen bis dahin nicht erlebt hatte. Der Thronfolger des greisen Kaisers Franz Joseph, Erzherzog Franz Ferdinand, fiel einem Attentat zum Opfer. Der erste Gedanke, der bei dieser Nachricht die ganze Kulturwelt durchzuckte, war: Was wird dem greisen Herrscher Osterreich-Ungarns noch beschieden sein?
Kein Leid ist diesem Dulder auf dem Kaiserthrone erspart geblieben. Kaum achtzehn Jahre alt, war er in dem weltbewegenden Jahre 1848 zur Regierung gelangt und mußte seine ganze Kraft aufwenden, um die in allen Teilen der Donaumonarchie züngelnden Flammen des Aufruhrs zu ersticken. Seinen einzigen Sohn, den Kronprinzen Rudolf, raffte ein dunkles Verhängnis in der Blüte seiner Jahre hinweg. Dann kam der Meuchelmord an der Kaiserin, und als schließlich auch dieser Schmerz überwunden war, mußte der greise Herrscher jetzt im vierundachtzigsten Lebensjahre den Erben seines Thrones unter Mörderhand enden sehen.
Erzherzog Franz Ferdinand hatte an den großen Gebirgs- manövern teilgenommen, die im Juni 1914 in Bosnien stattfanden. Der Aufenthalt in Serajewo, der bosnischen Hauptstadt, und die aus diesem Anlaß vorbereiteten Empfangsfeierlichkeiten sollten die Manöver beschließen.
Am Sonntag früh traf der Erzherzog in Begleitung seiner Gemahlin aus dem Kurort Jlidze in Serajewo ein und begab sich mit seinem Gefolge in mehreren Automobilen nach dem Rathaus. Gegen elf Uhr passierte der Zug die nach dem Rathaus führenden Straßen, in denen sich eine
große Menge eingefunden hatte, die das erzherzogliche Paar ehrfurchtsvoll begrüßte.
Plötzlich wurde gegen das Auto des Thronfolgers eine Bombe geworfen. Der Erzherzog erkannte rechtzeitig die Gefahr, sprang auf und schlug die Bombe zur Seite. Sie fiel hinter dem Kraftwagen zu Boden. Durch die Sprengstücke wurden eine Reihe von Personen aus dem Publikum sowie einige in den folgenden Automobilen fahrende Herren aus dem Gefolge des Erzherzogs verletzt.
Der Täter, der von herbeieilenden Polizisten zu Boden geschlagen wurde, gab an, Cabrinovic zu heißen, Typograph von Beruf zu sein und aus Trebinje (Herzegowina) zu stammen. Die Bombe war eine Flaschenbombe, mit Nägeln und gehacktem Blei gefüllt. Die Explosion war so heftig, daß in einem Geschäft der eiserne Rolladen durchschlagen wurde.
Nach dem Bombenattentat auf den Thronfolger, bei dem Erzherzog Franz Ferdinand unverletzt blieb, setzte das erzherzogliche Paar seine Fahrt nach dem Rathause fort, nach dessen Besicht1gung der Erzherzog ins Garnisonlazarett fahren wolite, um den bei dem Attentat verwundeten Qberstleutnant Merizzi zu besuchen. Als das Automobil an die Ecke des Appelkais und der Franz-Joseph-Straße am Hauptplatz von Serajewo kam, erfolgte der zweite Anschlag.
Der zweite Anschlag
Aus der Menge sprang plötzlich ein gutgekleideter junger Mann hervor und gab auf das Erzherzogspaar aus einer Browningpistole zwei Schüsse ab. Die erste Kugel schlug durch den Wagenrand, traf die Herzogin von Hohenberg in den Unterleib und drang auf der anderen Seite des Wagens wieder heraus. Die zweite Kugel traf den Erzherzog in die Halsschlagader. Die Herzogin war sofort bewußtlos und sank dem Erzherzog in den Schoß.
Der Erzherzog verlor nach einigen Sekunden das Bewußtsein. Das Thronfolgerpaar wurde sofort nach dem Konat gebracht, wo Regimentsarzt Dr. Payer feststellte, daß der Tod bereits eingetreten war.
.
Mehr über den Erzherzog Franz Ferdinand
Erzherzog Franz Ferdinand war ein großer Reorganisator der österreichischen Armee; sein Tod bedeutet einen unersetzlichen Verlust. Er wurde als ältester Sohn des Erzherzogs Karl Ludwig, eines Bruders des Kaisers Franz Joseph, aus seiner Ehe mit der Prinzessin Annunziatavon Bourbon-Sizilien am 18. Dezember 1863 geboren.
Durch den tragisch Tod des Kronprinzen Rudolf im Jagdschloß Mayerling wurde er,kaum sechsundzwanzig Jahre alt, der nächste Thronanwärter.
Franz Ferdinand hat wie kein anderer Kronprinz von jeher um seine Stellung kämpfen müssen. Nach Rudolfs Tode wurde in Wahrheit nicht ihm, sondern seinem jüngeren Bruder, dem lebensfrohen Otto, die Krone zugedacht, da man bei Franz Ferdinand ein "unheilbares" Lungenleiden konstatiert haben wollte.
Indes kräftigte sich seine Gesundheit auf einerzweijährigen Weltreise 1893 bis 1895 derartig, daß der physische Befähigungsnachweis für die Rolle eines Thronfolgers nunmehr als erbracht angesehen werden mußte.
Die Eindrücke dieser Weltreise legte Franz Ferdinand in einem sorgsam geführten Tagebuch nieder. Er tat aktiven Dienst in der Armee und wurde gleichzeitig durch Einführung in Staatsrecht und Zivilverwaltung auf den Herrscherberuf vorbereitet.
.
Überraschung - die Liebe
Da unterbrach ein Ereignis die idyllische Stille des Thronfolgerdaseins. Franz Ferdinand, den man damals mit der ältesten der sechs Töchter des Erzherzogg Friedrich, der Erzherzogin Christine, zu vermählen gedachte, überraschte seinen Onkel und den ganzen Hof mit der Erklärung, daß er nicht die Erzherzogin, sondern die Hofdame ihrer Mutter, Gräfin Sophie Chotek, zu ehelichen wünsche, die am 1. März 1868 zu Stuttgart als vierte Tochter desdamaligen österreichischen Gesandten am württembergischen Hofe, Grafen Boshuslaw Chotek von Chotkowa und Wognin geboren war.
Franz Ferdinand blieb damals alten offenen und geheimen Widerständen zum Trotz unbeugsam. Nach einjähriger Überlegungsfrist willigte der Kaiser endlich ein, und am 1. Juli 1900 wurde nach einem feierlichen Tronverzicht Franz Ferdinands für die Abkömmlinge dieser Ehe die morganatische Ehe des ThronfoIgers mit der Gräfin Chotek, die der Kaiser zur Fürstin, später Herzogin Hohenberg ernannte, zu Reichstadt geschlossen.
.
Die Stellung des Thronfolgers wurde in den letzten Jahren, namentlich auf militärischem Gebiete, immer "hervorragender". Jm Jahre 1898 wurde er "zur Disposition des Allerhöchsten Oberbefehls" gestellt, 1902 zum Admiral ernannt, mit einer eigenen Militärkanzlei ausgestattet und mit der Leitung der großen Manöver betraut.
Am 17. August 1913 wurde er endlich zum Generalinspekteur der gesamten bewaffneten Macht mit dem Oberbefehl über Heer und Flotte ernannt, eine Stellung, die sogar die des letzten Generalinspekteurs Erzherzog Albrecht, des Siegers von Custozza, überragte. Nun mußte diese Stütze der österreichischen Wehrmacht durch Mörderhand fallen.
Die beiden Mörder
Der eine der beiden Mörder, Princip, war erst neunzehn Jahre alt. Er gab bei dem Verhör an, sich schon lange mit der Absicht getragen zu haben, irgend eine Person aus nationalistischen Motiven zu töten. Er habe einen Augenblick gezögert, da sich auch die Herzogin im Automobil befand. Dann aber habe er rasch gefeuert. Er leugnete, Mitwisser zu haben.
Der zweite, der einundzwanzigjährige Typograph Cabrinovic, zeigte beim Verhör ein sehr schamloses Wesen. Auch er erklärte, keine Komplizen zu haben. Cabrinovic war nach seiner Tat in den Fluß gesprungen, jedoch von nachspringenden Wachtleuten und von Personen aus dem Publikum angehalten und verhaftet worden. Wenige Schritte vom Schauplatz der zweiten Tat wurde eine unwirksam gebliebene Bombe aufgefunden. Sie war höchstwahrscheinlich von einem dritten Verschwörer weggeworfen worden, nachdem dieser gesehen hatte, daß der Anschlag gelungen war. Princip erklärte, er habe längere Zeit in Belgrad studiert. Cabrinovic behauptete, die Bombe von einem Anarchisten in Belgrad erhalten zu haben, dessen Namen er nicht kenne.
Bezeichnend ist, daß das Attentat am Vortage des serbischen Nationalfestes Vidovdan, dem Erinnerungstage der Schlacht auf dem Amselfelde, verübt wurde, an dem gewöhnlich das serbische Nationalgefühl durch die chauvinistischen Blätter besonders aufgestachelt wird.
Die sofort eingeleitete Untersuchung ergab auch bald, daß die Fäden der Verschwörung nach Belgrad führten. wo ein weitverzweigtes Komplott zur Ermordung des Thronfolgers bestanden hatte.
Mit einwandfreier Sicherheit wurde festgestellt, daß die Attentäter von der serbischen Regierung gedungen waren. Das Budapester Blatt "Az Est« veröffentlichte die Aussage des einen der Attentäter, Cabrinovic, die beweist, daß der intellektuelle Urheber des Attentats der Souschef Major Milan Pribicsevics im serbischen Generalstabe war.
.
Ein Geheimbureau in London
Die weitere Untersuchung wurde in größter Heimlichkeit geführt, und nichts drang weiter in die Offentlichkeit, als daß man auf dem Umwege über Belgrad erfuhr, es seien etwa hundert Serben unter der Anklage des Hochverrats in Bosnien verhaftet worden. Diese zahlreichen, mit der Mordtat in Zusammenhang gebrachten Verhaftungen wollte Serbien nach der Mitteilung des Belgrader Regierungsorgans zum Gegenstand diplomatischer Verhandlungen in Wien machen. Die ungeheuerlichsten Gerüchte wurden laut über die Verbrechen, deren die verhafteten Serben
beschuldigt waren.
Besondere Sensation erregte aber die Veröffentlichung der englischen Wochenschrift "John Bull", die behauptete, Serbien habe vor etwa acht Monaten ein Geheimbureau in seiner Londoner Gesandtschaft errichtet, um gegen Österreich zu agitieren. Dieses Geheimbureau habe die Verschwörung gegen Erzherzog Franz Ferdinand ausgeheckt. Das Blatt fügt jedoch hinzu, daß es das eigentliche Gesandtschaftspersonal nicht ohne Beweise mitanklagen wolle.
.
Es erzählt weiter, beim Umzug der Gesandtschaft von Belmrave Mansions Hotel nach Queens Gate im vergangenen April seien viele wichtige Dokumente verbrannt worden. Ein Stück eines halbverbrannten Dokuments sei im Besitze der Redaktion. Ein photographisches Faksimile ist mit dem Artikel veröffentlicht. Von der gedruckten Adresse ist daraus ".....tion Royale de Serbie« (Königlich serbische Gesandtschaft) zu sehen, ferner genug von dem Datum, um den 5. April zu erkennen. Der Jnhalt ist, wie "John Bull" behauptet, in der Privatchiffre des Geheimbureaus geschrieben. Das Blatt gibt an, den Schlüssel dazu zu besitzen, und bringt folgendes als Übersetzung:
»Für die gänzliche Beseitigung (Elimination) von F. F. die Summe von zweitausend Pfund Sterling, zahlbar wie folgt: Tausend Pfund bei ihrer Ankunft in Belgrad aus der Hand des Herrn G. und der Rest von tausend Pfund bei Beendigung der Aufgabe, zahlbar wie oben. Die Summe von zweihundert Pfund für Ausgaben und um Agenten zu bezahlen usw., ehe sie hier abreisen. Ihre Arrangements nicht.«
Hier ist das Blatt abgerissen. F. F. soll, wie das Wochenblatt behauptet, Franz «Ferdinand« heißen.
Ein schwerer Druck lastete auf der ganzen politischen Welt. Alles, was nicht zu den Freunden der serbischen Königsmörder zählte, spähte fragend nach Österreich, ob denn nicht bald von dort aus etwas geschehen werde. Man fand die österreichische Ruhe unbegreiflich, und doch war es keine Ruhe, sondern es war die Stille, die dem Sturm vorauszugehen pflegt.
Ein besonderer Vorgang goß noch Öl ins Feuer. Der russische Gesandte in Belgrad, Hartwig, hatte beim Belgrader österreichischen Gesandten, Baron Giesl, einen Besuch gemacht, wurde während des Gesprächs vom Schlage getroffen und starb nach wenigen Minuten.
Nun beschuldigte man in Belgrad den österreichischen Gesandten, er habe Hartwig vergiftet. Dadurch wurde die Situation für die Osterreicher in Serbien äußerst kritisch, zumal die Menge noch durch Hetzartikel der Belgrader Presse aufgeregt wurde.
Unter solchen Umständen kam es am 12. Juli - (29.Juni) zur Feier des Namenstages des Königs Peter zu aufgeregten Szenen. Dieser Tag sollte zu Ausschreitungen gegen die Gesandtschaft und die Untertanen der Monarchie benutzt werden. Am Nachmittag erhielt der Gesandte Baron Giesl die Nachricht, daß zweihundert Komitatschi nach Belgrad gekommen seien, um die Gesandtschaft in die Luft zu sprengen und unter den österreichischen und ungarischen Untertanen ein Pogrom anzurichten. Giesl suchte sofort Paschitsch, den serbischen Ministerpräsidenten, auf und erklärte, daß er für alle Vorkommnisse nicht nur Serbien, sondern Paschitsch persönlich verantwortlich mache. Diese energische Sprache verfehlte ihre Wirkung nicht.
Das Ultimatum an die Serben
Vor die Gesandtschaft wurde eine Kompanie Infanterie und ein starkes Polizeiaufgebot beordert, und die Polizei von Belgrad wurde die ganze Nacht in Bereitschaft gehalten. Infolge dieser Vorkehrungen waren die befürchteten Angriffe der Serben ausgeblieben, aber nichtsdestoweniger mußten die Österreicher auf ihrer Hut sein und das Schlimmste befürchten.
Bald hieß es allgemein, die österreichische Regierung bereite einen besonderen Schritt vor. Eine "Demarche" nannten es die einen, ein Ultimatum die anderen. Am Donnerstag den 23. Juli (1914) überreichte der k. k. österreichisch-ungarische Gesandte Baron Giesl der serbischen Regierung die folgende Note mit den österreichischen Forderung en :
Am 31. März 1909 hat der königlich serbische Gesandte am Wiener Hofe im Auftrage seiner Regierung der k. k. Regierung folgende Erklärung gegeben:
- "Serbien erkennt an, daß es durch die in Bosnien geschaffenen Tatsachen in seinen Rechten nicht berührt wurde und daß es sich demgemäß den Entschließungen anpassen wird, die die Mächte in bezug auf Artikel 24 des Berliner Vertrags treffen werden. Indem Serbien den Ratschlägen der Großmächte Folge leistet, verpflichtet es sich, die Haltung des Protestes und des Widerstandes, die es hinsichtlich der Annektion seit vergangenem Oktober eingenommen hat, aufzugeben, und es verpflichtet sich ferner, die Richtung seiner gegenwärtigen Politik gegenüber Osterreich-Ungarn zu ändern und künftighin mit diesem letzteren auf dem Fuße freundnachbarlicher Beziehungen zu leben."
.
Die Beweislage
Die Geschichte der letzten Jahre nun und insbesondere die schmerzlichen Ereignisse des 28. Juni haben das Vorhandensein einer geheimen Bewegung in Serbien erwiesen, deren Ziel es ist, von der österreichisch-ungarischen Monarchie gewisse Teile ihres Gebietes loszutrennen.
Diese Bewegung, die unter den Augen der serbischen Regierung entstanden, hat in der Folge jenseits des Gebietes des Königreichs durch zahlreiche Schreckenstaten, durch eine Reihe von
Attentaten und durch Mord Ausdruck gefunden. Weit entfernt, die in der Erklärung vom 31.März 1909 enthaltenen formellen Verpflichtungen zu erfüllen, hat die königlich serbische Regierung nichts getan, um diese Bewegung zu unterdrücken. Sie duldete das verbrecherische Treiben der verschiedenen gegen die Monarchie gerichteten Vereine und Vereinigungen, die zügellose Sprache der Presse, die Verherrlichung der Urheber von Attentaten, die Teilnahme von Offizieren und Beamten an untergrabenden Umtrieben, sie duldete eine ungesunde Verhetzung im öffentlichen Unterricht und duldete schließlich alle Kundgebungen, die die serbische Bevölkerung zum Hasse gegen die Monarchie und zur Verachtung ihrer Einrichtungen verleiten konnten.
Diese Duldung, deren sich die königlich serbische Regierung schuldig machte, hat noch in jenem Moment angedauert, in dem die Ereignisse des 28. Juni der ganzen Welt die grauenhaften Folgen solcher Bewegung zeigten.
Es erhellt aus den Aussagen und Geständnissen der verbrecherischen Urheber des Attentats vom 28. Juni, daß der Mord von Serajewo in Belgrad ausgeheckt und daß die Mörder die Waffen und Bomben, mit denen sie ausgestattet waren, von serbischen Offizieren und Beamten erhielten, die dem serbischen Geheimbund Rarodna Odbrana angehörten, und daß schließlich die Beförderung der Verbrecher und deren Waffen nach Bosnien von leitenden serbischen
Grenzorganen veranstaltet und durchgeführt wurde.
.
Die Konsequenzen
Die angeführten Ergebnisse der Untersuchung gestatten es der k. u. k. Regierung nicht, noch länger die Haltung zu wartender Langmut zu beobachten, die sie durch Jahre jenen Treibereien gegenüber eingenommen hatte, die ihren Mittelpunkt in Belgrad haben und von da auf die Gebiete der Monarchie übertragen werden. Diese Ergebnisse legen der k. u. k. Regierung vielmehr die Pflicht auf, dem Treiben ein Ende zu bereiten, das eine beständige Bedrohung für die Monarchie bildet.
Um diesen Zweck zu erreichen, sieht sich die k. u. k. Regierung gezwungen, von der serbischen Regierung eine öffentliche Versicherung zu verlangen, daß sie die gegen Österreich-Ungarn gerichtete Propaganda verurteilt, das heißt die Gesamtheit der Bestrebungen, deren Endziel es ist, von der Monarchie Gebiete loszulösen, die ihr angehören, und daß sie sich verpflichtet, diese verbrecherische und terroristische Propaganda mit allen Mitteln zu unterdrücken.
Um diesen Verpflichtungen einen feierlichen Charakter zu geben, wird die königlich serbische Regierung auf der ersten Seite ihres offiziellen Organs vom 26. (13.) Juli nachfolgende Erklärungen veröffentlichen:
- "Die königlich serbische Regierung verurtheilt die gegen Österreich-Ungarn gerichtete Propaganda, das heißt die Gesamtheit ihrer Bestrebungen, deren Ziel es ist, von der österreichisch-ungarischen Monarchie Gebiete loszutrennen, die ihr angehören, und sie bedauert aufrichtig die grauenhaften Folgen dieser verbrecherischen Handlungen. Die königlich serbische Regierung bedauert, daß serbische Offiziere und Beamte an der vorgenannten Propaganda teilgenommen und damit die freundnachbarlichen Beziehungen gefährdet haben, die zu pflegen sich die königliche Regierung durch ihre Erklärung vom 31. März 1909 feierlich verpflichtet hatte. Die königliche Regierung, die jeden Gedanken oder jeden Versuch einer Einmengung in die Geschicke der Bewohner, was immer auch eines Teils, Österreich-Ungarns mißbilligt und zurückweist, erachtet es für ihre Pflicht, Offiziere und Beamte aus der gesamten Bevölkerung des Königreichs ausdrücklich darauf aufmerksam zu machen, daß sie künftighin mit äußerster Strenge gegen jene Personen vorgehen wird, die sich derartiger Handlungen schuldig machen sollten, Handlungen, denen vorzubeugen und die zu unterdrücken sie alle Anstrengungen machen wird.«
Diese Erklärung wird gleichzeitig der königlichen Armee durch einen Tagesbefehl Sr. Majestät zur Kenntnis gebracht und im offiziellen Organ der Armee veröffentlicht werden.
.
Es geht noch weiter : 10 Punkte sollen die Serben unterschreiben
Die königlich serbische Regierung verpflichtet sich überdies:
- 1. Jede Publikation zu unterdrücken, die zum Haß und zur Verachtung der Monarchie aufreizt und deren allgemeine Tendenz gegen den ungeschmälerten Bestand der letzteren gerichtet ist.
- 2. Sofort mit der Auflösung des Vereins Narodna Odbrana vorzugehen, dessen gesamte Propagandamittel zu konfiszieren und in derselben Weise gegen die anderen Vereine und Vereinigungen in Serbien einzugreifen, die sich mit der Propaganda gegen Osterreich-Ungarn beschäftigen. Die königliche Regierung wird die nötigen Maßregeln treffen, damit die aufgelösten Vereine nicht etwa ihre Tätigkeit unter anderen Namen oder in anderer Form fortsetzen.
- 3. Ohne Verzug aus dem öffentlichen Unterricht in Serbien sowohl aus dem Lehrkörper als aus den Lehrmitteln alles zu beseitigen, was dazu dient oder dienen könnte, die Propaganda gegen Osterreich-Ungarn zu nähren.
- 4. Aus dem Militärdienst und der Verwaltung im allgemeinen alle Offiziere und Beamte zu entfernen, die der Propaganda gegen Osterreich-Ungarn schuldig sind und deren Namen unter Bekanntmachung des gegen sie vorliegenden Materials der königlichen Regierung bekanntzugeben sich die k. u. k. Regierung vorbehält.
- 5. Einzuwilligen, daß in Serbien Organe der k. u. k. Regierung bei der Unterdrückung der gegen den ungeschmälerten Bestand der Monarchie gerichteten umstürzlerischen Bewegung mitwirken.
- 6. Eine gerichtliche Untersuchung gegen jene Teilnehmer des Komplotts vom 28. Juni einzuleiten, die sich auf serbischem Gebiet befinden. Von der k. u. k. Regierung hierzu
- bestimmte Organe werden an den diesbezüglichen Erhebungen teilnehmen.
- 7. Mit aller Beschleunigung die Verhaftung des Voja Tankkovic und eines gewissen Milan Ciganovic, serbische Staatsbeamte, vorzunehmen, die durch die Ergebnisse der Untersuchung kompromittiert sind.
- 8. Durch wirksame Maßnahmen die Teilnahme der serbischen Behörden an dem Schmuggel von Waffen und Explosivkörpern über die Grenze zu verhindern, jene Organe des Grenzdienstes von Schabatz und Lofnitza, die den Urhebern des Verbrechens von Serajewo mit dem Übertritt
- über die Grenze behilflich waren, aus dem Dienst zu entlassen und streng zu bestrafen.
- 9. Der k. u. k. Regierung Aufklärungen zu geben über die nicht zu rechtfertigenden Äußerungen höherer serbischer Funktionäre in Serbien und dem Auslande, die ihrer Offizierstellung ungeachtet sich nicht gescheut haben, sich nach dem Attentat vom 28. Juni in Interviews in feindlicher Weise gegen Österreich-Ungarn auszusprechen.
- 10. Die k. u. k. Regierung ohne Verzug von der Durchführung der in den vorigen Punkten zusammengefaßten Maßnahmen zu verständigen. Die k. u. k. Regierung erwartet die Antwort der königlichen Regierung spätestens bis Sonnabend, 25. d. M., um sechs Uhr nachmittags.«
.
Ein Memoire über das Ergebnis der Untersuchunge von Serajewo, soweit es sich auf die in Punkt 7 und 8 genannten Funktionäre bezieht, war dieser Note beigeschlossen.
Der österreichisch-ungarischeGesandte Baron Giesl war von seiner Regierung zugleich beauftragt worden, die serbische Regierung davon zu verständigen, daß Osterreich-Ungarn sofort den Krieg erklären werde, wenn Serbien nicht innerhalb der gestellten achtundvierzigstündigen Frist den Forderungen Osterreich-Ungarns nachkomme.
.
Ein Hinweis auf die "Weltmeinung" (1914) über diese Note :
Es kann nicht wundernehmen, daß eine derartige Sprache das größte Aufsehen in der ganzen Welt erregte. So zum Beispiel schrieb die "Kölnische Zeitung", die vom Auswärtigen Amte inspiriert ist:
- »Die österreichische Note stellt eine Anklagerede von einer Wucht und einem Ernst dar, wie sie zwischen Staat und Staat in der neuesten Geschichte nicht mehr gehört wurde. Die Befristung verstärkt den Zug unbedingter Entschlossenheit. Mit Erstaunen wird Europa aus den Einzelheiten der Note entnehmen, bis wohin die Fäden der VBerschwörung reichten, deren Ergebnis der Mord in Serajewo ist. Man sieht in den Abgrund politischer Entartung und Unkultur, wenn man liest, wie das verbrecherische Treiben wahnwitziger Mörder unterstützt und gefördert wurde. Dies gibt der Angelegenheit eine allgemein europäische Bedeutung.
- Angesichts des bedeutsamen Noteninhalts wird wohl niemand in Europa zweifelhaft sein, daß es das Friedensinteresse erfordert, daß durch die Sprache der europäischen Presse in Belgrad der Eindruck vertieft werde, Serbien müsse solchen gerechten Forderungen nachgeben, um einen Konflikt zu vermeiden. Aus den Tatsachen der Note ergibt sich, daß die politische Vernunft und die elementarste Gerechtigkeit es gebieten, in die Auseinandersetzung nicht einzugreifen und den möglichen Zusammenstoß örtlich begrenzt zu halten. Für alle europäischen Zuschauer der Auseinandersetzung erfordert die Rücksicht des europäischen Friedens, demjenigen, der in dem Streit so schwer unrecht hat, nicht den Rücken zu stärken, sondern ihn mit Entgegenkommen zu mahnen, damit der Streit Sache der österreichisch-serbischen Beziehungen bleibe.
- Vom europäischen Standpunkte aus ist es wünschenswert, daß, nachdem Serbien die nötige Genugtuung gegeben hat, die Beziehungen sich doch wieder normal und ersprießlich gestalten.«
.
Sehr unterschiedliche Meinungen werden hier präsentiert
In Osterreich selbst fand das Ultimatum zunächst keine ungeteilt günstige Aufnahme. Glaubten die grundsätzlichen Gegner der Regierung doch wieder einen Anlaß zu haben, um gegen den Krieg zu protestieren. Aber als sie merkten, daß es galt, die höchsten Errungenschaften der Kultur gegen russische Willkür zu verteidigen, standen sie ebenso treu zu ihrem Herrscher wie die Regierungspartei. In Ungarn dagegen fand der österreichische Schritt sofort begeisterte Zustimmung. Hier hatte die Regierung des Ministerpräsidenten Graf Tisza seit Monaten in heftigstem Kampfe mit der von Graf Andrassy geführten Gegenpartei gelegen. Bis zu Tätlichkeiten und persönlichen Angriffen war die Gegnerschaft ausgeartet, wie sie in der Geschichte des Parlamentarismus einzig dastehen. Aber die gemeinsame Not des Vaterlandes hat die Gegensätze, wenn auch nicht vergessen, so doch schweigen gemacht. Andrassy stellte sich an Tiszas Seite, um gemeinsam mit ihm als ein leuchtendes Beispiel für das ganze Ungarland die schweren Tage durchzukämpfen.
Bei Beginn der Sitzung des ungarischen Abgeordnetenhauses am 24. Juli (1914) sagte der Ministerpräsident:
- »Der Schritt Österreich-Ungarns bedarf keiner Rechtfertigung. Es müßte vielmehr erklärt werden, warum der Schritt erst jetzt erfolgte. Wir wollten abwarten, bis die Untersuchung in Serajewo über gewisse Umstände vollständige Klarheit schafft. Auch wollten wir den Anschein vermeiden, als ob die Leidenschaft oder berechtigte Entrüstung uns geleitet habe. Der Schritt ist vielmehr nach reiflicher Überlegung unternommen worden. Der Schritt ist keineswegs aggressiv, noch bedeutet er eine Herausforderung, da wir in der Note nichts anderes fordern als das, was Serbien aus natürlicher nachbarlicher Pflicht gewähren muß. Niemand kann uns vorwerfen, daß wir den Krieg suchen. Wir gingen vielmehr bis zur äußersten Geduldgrenze.
- In der Überzeugung, daß der Schritt durch die Lebensinteressen der Monarchie und der Nation gefordert wurde, werden wir die gesamten Folgen tragen.«
.
Der russische Zar meldet sich zu Wort - als Beschützer
Hatten die österreichischen Schritte in der ganzen Welt das größte Aufsehen erregt, so sah man den Folgen des Ultimatums doch mit Ruhe entgegen. In Serbien war man gedrückter Stimmung und schon zum Nachgeben bereit - da trat der Zar, der sich zum Beschützer der Südslawen berufen fühlt, auf den Plan. Schon am 24. Juli wurde aus Petersburg gemeldet, daß der an
diesem Tage abgehaltene Ministerrat fast vier Stunden gedauert habe, und man versicherte, daß Rußland unverzüglich eingreifen und von Osterreich-Ungarn verlangen werde, die Frist des Ultimatums hinauszuschieben, um der europäischen Diplomatie Zeit zu geben, ihren Einfluß
geltend zu machen. Das amtliche Organ der russischen Regierung schrieb:
»Die Kaiserliche Regierung, lebhaft besorgt durch die überraschenden Ereignisse und durch das an Serbien durch Österreich-Ungarn gerichtete Ultimatum, verfolgt mit Aufmerksamkeit die Entwicklung des österreichisch-serbischen Konfliktes, in dem Rußland nicht gleichgültig bleiben kann.«
Am 25. Juli 1914 mittags erschien der russifche Botschafter Prinz Kudaschew in Wien im Ministerium des Auswärtigen und überreichte das Ersuchen Rußlands, die an die serbische Regierung gestellte Frist zu Verlängern. Das Ersuchen wurde in höflicher, aber entschiedener Weise abgelehnt. Überdies verbreitete die österreichische Regierung noch die Nachricht, daß sie jede fremde Einmischung ablehne und ihren eigenen Weg gehen wolle.
Österreich macht mobil
Daß dieser Weg auch zum Kriege führen könne, war nach Lage der Verhältnisse jedem klar. Im Laufe des 25. Juli 1914 wurden bereits an acht Armeekorps die Mobilisierungsbefehle abgesandt, so daß die Monarchie schon in den nächsten Tagen über acht mobilisierte Armeekorps verfügte. Auch bei der Marine erfolgte sofort die Einberufung.
In Wien waren umfassende Maßnahmen zu beobachten. Militärpatrouillen zogen durch die Stadt und wurden von der Bevölkerung lebhaft begrüßt. Die Donaubrücken standen unter militärischem Schutz und alle Eisenbahnbrücken wurden von Soldaten bewacht. Alle österreichischen und ungarischen Familien verließen eiligst die serbische Hauptstadt.
.
Serbien macht auch (teil-) mobil
In Serbien wurde ebenfalls schon am 25. Juli 1914 eine Teil- mobilisierung begonnen und zwei Divisionen sogleich auf Kriegszustand gesetzt. Die Entscheidungsstunde nahte heran.
Mit Spannung erwartete die ganze Welt, was nun folgen werde. Auch in Deutschland war bereits "in jede Brust" die Ahnung eingezogen, daß die Entscheidung in Belgrad zugleich die Entscheidung über Krieg und Frieden in Deutschland sei.
.
- Anmerkung : Es geht nicht hervor, wieso die Deutschen die Entscheidung in Belgrad mit der Entscheidung über Krieg und Frieden in Deutschland verknüpften.
.
Die Extrablätter verkündeten :
Jetzt war Krieg angesagt
Endlich in den späten Abendstunden des verhängnisvollen Tages erhoben sich in allen Großstädten der Kulturwelt die Stimmen der Straßenverkäufer, die ihre Extrablätter ausriefen. Erregt griff alles danach: die Würfel waren gefallen, wie sie fallen mußten. Die kurze amtliche Mitteilung lautete:
- "Wien, 25. Juli. Ministerpräsident Paschitsch erschien wenige Minuten vor sechs Uhr in der k. u. k. Gesandt- schaft in Belgrad und erteilte eine ungenügende Antwort auf die Note. Baron Giesl notifizierte ihm hierauf den Abbruch der diplomatischen Beziehungen und verließ mit dem Gesandtschaftspersonal um sechs Uhr dreißig Minuten Belgrad.
- Die serbische Regierung hatte schon früher, um drei Uhr nachmittags, die Mobilmachung der gesamten Armee angeordnet. Der Hof und die Regierung, sowie die Truppen räumen Belgrad. Die Regierung soll nach Krakujewacz verlegt werden."
.
Begeisterung auch bei "den Deutschen" .....
Die Haltung der österreichischen Regierung fand nicht nur in der ganzen österreichisch-ungarischen Monarchie, sondern auch im Deutschen Reiche begeisterte Aufnahme. Schon am 25. Juli vormittags bildeten sich vor dem Kriegsministerium in Wien wiederholt größere Menschenansammlungen. Als Erzherzog Friedrich, der Nachfolger des ermordeten Thronfolgers im Oberkommando der Armee, das Gebäude verließ, wurde er vom Publikum mit lebhaften Hochrufen begrüßt. Am folgenden Tage erneuerten sich die Kundgebungen der Bevölkerung. Bei strömendem Regen sammelten sich Tausende vor dem Kriegsministerium.
- Anmerkung : Der damalige Sprachgebrauch nahm kein Blatt vor den Mund, es war ein "Kriegsministerium", kein "Verteidigungsministerium". Und Krieg bedeute schon immer "Angriff" !
Die Soldaten und Offiziere wurden mit begeisterken Zurufen begrüßt und die Truppen marschierten unter Voraustragung schwarzgelber Fahnen und unter dem Absingen vaterländischer Lieder durch die Straßen. In Budapest durchzogen in der Nacht vom 25. zum 26. Juli 1914 begeisterte Gruppen die Stadt. Vor dem Nationalkasino sang die Menge patriotische Lieder.
Ein deutscher Fabrikant feierte in einer Rede die deutsch-österreichische Bundesgenossenschaft. Graf Aladin Zichy bestieg eine improvisierte Tribüne und rief: »Der treue Bundesgenosse unseres Königs, Kaiser Wilhelm, lebe hoch!«. Nicht minder groß war die Begeisterung in Agram, ebenso in Prag, wo die Nachricht von dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Serbien am 25. Juli gegen halb acht Uhr durch Extrablätter bekanntgegeben wurde.
Vor den Redaktionen der Zeitungen hatten sich Tausende von Menschen angesammelt, die mit größter Spannung die Depeschen erwarteten. Als die entscheidende Meldung herausgegeben wurde, brach die Menge in begeisterte Hochrufe auf Österreich und den Kaiser sowie in Pfuirufe auf Serbien aus.
.
Lobhudeleien in der österr. Presse vom August 1914
Mit tief empfundener Genugtuung verzeichnete die öfterreichische Presse die Haltung Deutschlands. Nicht nur gaben die Blätter in allgemeinen Wendungen ihrem Dank dafür Ausdruck, sondern die "Wiener Mittagszeitung" bezeigte ihn auch in einem offenen Brief an den deutschen Botschafter in Wien, Herrn v. Tschirschky. Sie sei überzeugt, damit im Sinne des gesamten österreichischen Volkes zu handeln. Die nachstehenden Meldungen bekunden diese wohlbegreifliche Dankbarkeit.
Der offene Brief der "Wiener Mittagszeitung" hat folgenden Wortlaut:
.
- »Die österreichisch-ungarischen Völker haben das Bedürfnis, dem Repräsentanten des verwandten brüderlichen Deutschland ein aufrichtig empfundenes Wort zu sagen. Wenn unsere Politiker dies- und jenseits der Sudeten eine harte Probe auf den dauernden Bestand des gigantischen Bündnisses anstellen, so wissen Sie, daß eine bessere Gewähr in den Herzen der Völker lebt. Ew. EXzellenz! Wir haben gestern und heute eine wundervoll tieferschütternde Manifestation der Nibelungentreue erlebt und sind offen genug, zu gestehen, daß wir zwar eine ähnliche Gesinnung erwartet hatten; aber wir schämen uns ebensowenig, zu bekennen, daß die Einmütigkeit, der Eifer und die heiße, verstehende Teilnahme dieser grandiosen Kundgebung uns zu Tränen gerührt hat. Wir haben natürlich erfahren, daß diese Wesens- und Charakterverwandtschaft der Völker, daß diese Heiligkeit der Tradition und Gefühle magischer und fester knüpfen als die Gesetze des Moments. Empfangen Sie, Herr Botschafter, unserer Völker begeisterten Dank, empfangen Sie das Versprechen, daß wir solch adliger Tat uns durch Handeln und Gedanken wert erzeigen werden. Empfangen Sie dieses fruchtbarer und schirmender Liebe in ernster Stunde geweihte Unterpfand.«
.
Die "Reichspost" schrieb:
.
- »Mit Dankbarkeit begrüßen wir die Einmütigkeit, mit der die Presse Deutschlands in diesen ernsten Stunden, "wo" es auf mehr ankommt als darauf, ob Österreich-Ungarn sich wird mit Serbien auseinandersetzen müssen, die Treue des Bundesgenossen ausdrückt.
- Es spricht daraus mehr als das Pflichtgefühl des durch Verträge Verbündeten; es sprechen daraus herzliche brüderliche Gefühle, welche in Zeiten der Gefahr doppelt erfreuen.«
.
Auch damals gab es "Befremdlichkeiten"
Es ist selbstverständ1ich, daß nach Österreichs Kriegserklärung an Serbien schlimme Stunden für die öfterreichischen Staatsangehörigen in Belgrad heranrückten. Gleich am Abend nach der Kriegserklärung harrten fünfhundert Mitglieder der österreichisch-ungarischen Kolonie vor der ungarischen Agentur in Belgrad vergeblich auf ein Schiff, um nach Semlin zu gelangen. Es war eine wahre Schreckensnacht. Betrunkene Soldaten heulten durch die Straßen, Freudenschüsse krachten alle Augenblicke, wüstes Brüllen: "Nieder mit Osterreich!" ertönte.
Am anderen Morgen erschien endlich ein Schlepper, um Schleppkähne abzuholen. Fünfzehn Personen gelang es, den Kapitän zu bewegen, sie mitzunehmen. In Semlin ersuchten sie die Behörden, die nicht in Belgrad befindlichen Österreicher und Ungarn abzuholen. Das Schiff "Bessarab", das dreihundert Serben nach Belgrad zurückbrachte, nahm die österreichisch- ungarische Kolonie nach Semlin mit. Hof und Regierung in Belgrad verließen schon am 25. Juli 1914 die Stadt, und am 27. Juli beschlossen auch die Bankhäuser, ihre Depots nach dem Inneren bringen zu lassen.
Bald begann ein förmlicher Auszug von Familien, der vielfach auf hochbepackten Wagen erfolgte. Die Stadt bot ein Bild größter Verwirrung und Unruhe. Unter der Bevölkerung entstand eine Panik, die durch Gerüchte über einen bevorstehenden Einmarsch der Osterreicher und ein Bombardement der Stadt noch erhöht wurde. In den Abendstunden des 27. Juli versuchte der Mob aus den Vororten, darunter viele Zigeuner, Plünderungen, die das Militär nötigten, mit der Waffe vorzugehen.
.
Am 27. Juli 1914 das erste Scharmützel - der Krieg begann
Am gleichen Tage meldete die Wiener "Sonn- und Montagszeitung", daß die Serben die Eisenbahnbrücke über die Donau zwischen Belgrad und Semlin in die Luft gesprengt hätten. Diese Eisenbahnbrücke führt über die Save südwestlich von Belgrad. Auf der Brücke überschreitet die große Orientbahn Wien - Konstantinopel die Save, die dort eine Breite von vierhundert Meter hat, also schon ein bedeutendes Hindernis darstellt. Diese Brücke ist für das österreichische Heer von großer Bedeutung, weil die ganze österreichische, in Serbien einrückende Armee über sie geführt werden muß. Später stellte sich allerdings heraus, daß nur einige Teile und Pfeiler gesprengt waren, ein Schaden, der alsbald durch österreichische Pioniere einstweilen wieder beseitigt wurde.
Am 27. Juli, an welchem Tage ein Teil der Pester Garnison die Stadt in der Richtung nach Süden verließ, ereignete sich auch der erste Grenzzwischenfall. In der Nähe von Temeskubin, bei Kevevara auf ungarischem Boden an der Donau, wurden hundertzwanzig Mann ungarische Soldaten, die sich auf Schiffen der Donaudampfschiffahrtsgesellschaft befanden, von serbischen Soldaten beschossen, worauf sich ein heftiges Gewehrfeuer entwickelte, das zwanzig Minuten währte. Zwei serbische Schiffe wurden von den ungarischen Soldaten beschlagnahmt. - Der serbische Thronfolgerregent begab sich ins Hauptquartier in Valjevo, weil in militärischen Kreisen der erwähnte Grenzzwischenfall als Kriegsanfang angesehen wurde.
Die serbische Regierung begann nun, in Tschuprina, Semendria und Pozarevac große Truppenmassen zusammenzuziehen, die bestimmt waren, mit dem General Stefanowitsch an der Spitze bei Temeskubin über die Donau zu gehen und in Ungarn einzufallen. Bereits am 25. Juli abends zehn Uhr wurde der serbische Generalstabschef Putnik, der sich auf der Heimreise von einem Kurorte nach Belgrad befand, auf einer kleinen Station, Kölentjöld bei Budapest, festgenommen. General Putnik war außerordentlich überrascht, da er nicht wußte, daß der Kriegszustand eingetreten war. Er versuchte Widerstand zu leisten und weigerte sich, ein bereitstehendes Automobil zu besteigen. Putnik wurde zum Platzkommando gebracht.
Am Bahnhof wurde er von General Sorsich empfangen, der ihn für verhaftet erklärte. Die Personen, wahrscheinlich serbische Generalstabsoffiziere, die den Generalstabschef auf seiner Reise begleiteten, und die Tochter Butniks wurden in einem Hotel untergebracht.
Am nächsten Tage aber wurde der Generalstabschef wieder freigelassen infolge eines Telegramms von Kaiser Franz Joseph, worin wieder einmal die Ritterlichkeit des österreichischen Kaisers zum Ausdruck kam. General Putnik fuhr nach seiner Freilassung sofort in einem Extrazuge nach Belgrad.
.
Und jetzt der Bündnisfall für Deutschland
Am 27. Juli 1914 überschritten die österreichischen Truppen die ungarisch- serbische Grenze und marschierten nach Mitrowitz, ihrem vorgesteckten Ziel. Die Serben wurden überall zurückgeworfen und Mitrowitz besetzt. Mitrowitz ist ungarischer Grenzort an der Save mit etwa zwölftausend Einwohnern. Es liegt dem nördlichsten Zipfel Serbiens gegenüber und etwa hundert Kilometer von Valjevo, dem vorläufigen Hauptlager der serbischen Armee. Dieser Vorstoß der Osterreicher wurde nur mit einem kleinen Truppenteil vorgenommen, weil sich ja jener Teil der österreichischen Armee, der zur Aktion in Serbien bestimmt war, noch im Zustande der Mobilmachung befand.
Der Einmarsch der Österreicher in Serbien wurde in Wien mit stürmischem Jubel begrüßt. Der Jubel wurde noch größer, als bald darauf die Kunde kam, daß die ersten serbischen Gefangenen gemacht worden seien. Auf der Donau bei Kocewo wurden die serbischen Truppentransportdampfer "Warda" und "Zar Nikolaus" von den österreichischen Booten der Donauflottille aufgebracht und dabei die ersten serbischen Gefangenen gemacht.
Jetzt kamen aber auch zuverlässige Nachrichten, daß Rußland beginne, seine Truppen an der österreichisch-russischen Grenze zusammenzuziehen. Osterreich-Ungarn war dadurch genötigt, für den Schutz seiner Grenzen auch die Mobilisierung gegen Rußland anzuordnen und schließlich den Krieg zu erklären. Damit war der Bündnisfall für Deutschland gegeben.
.
(Fortsetzung fo1gt)
.
Anmerkung aus 2025 :
Ich hoffe, daß Sie diese obigen Absätze aufmerksam und mit Bedacht gelesen haben. Das war der patriotsche und natürlich auch einseitige Sprachgebrauch aus den Jahren vor 1915.
Sowohl die Masse der Österreicher als auch die Masse der Deutschen Männer ist jubelnd zu den Fahnen der Musterungs- und Rekrutierungsstellen gelaufen.
Der letzte größere Krieg war 1971 vom Deutschen Reich gewonnen worden, gegen Frankreich gewonnen worden. Das war damals die Rache für den Durchmarsch von Napoleons Armee und deren Wüten in den deutschen Landen. Diese Geschichten wurden den Deutschen immer wieder aufgetischt, um den Krieg zu rechtfertigen. Dennoch hatte die Generation der ab 1880 Geborenen - in beiden Kaiserreichen - nach 40 Jahren Frieden keine Ahnung mehr, was ein Krieg wirklich bedeutet.
Diese Erkenntnis oder Erfahrung kam leider erst nach der ersten Million von Toten. Wie wir wissen, hatten auch fast 4 Jahre Krieg nicht allzu lange vorgehalten, denn 1939 ging es schon wieder los, Rache für den verlorenen 1. Weltkrieg zu nehmen.
Und wieder kam die Erkenntnis erst nach Stalingrad im April 1943, daß man solch einen Krieg auch (und schon wieder) verlieren könne. Und das hatte ja auch dann geklappt im April 1945, schon wieder haushoch verloren und diesmal war Deutschland landesweit eingebomt, im ersten Weltkrieg wurden die anderen umliegenden Länder eingebomt.
.
Das waren ja nur die ersten Seiten aus Heft 1 - es geht weiter
Nach wie vor ist immer noch nicht herauszufinden, zu welchem Zeitraum diese Artikel verfaßt wurden. In anderen Zeitzeugenberichten und Büchern bis in die 1990er Jahre wurde sowohl der damalige Sprachgebrauch wie auch die Denke der damaligen Bevölkerung bestätigt. "Das Volk" war im Großen und Ganzen obrigkeitshörig, sogar die Mittelschicht und die Oberschicht. Sie wußten es nicht anders bzw. sie - weiter oben in der Hirarchie - akzeptierten die Wahrung ihres Standes und vor allem ihres Wohlstandes und ihrer Privilegien durch die Kaiser-Krone(n).
Hier verweise ich nochmal auf die sehr authentisch aufgeschriebenen Lebens-Erinnerungen des "Herrn von Studnitz", dessen Familie in der reichsdeutschen Bevölkerung zur Oberschicht gehörte.
.
.