1972 - Ein Blick in die Arbeit der Regisseure - Heft 7
März 2025 - Duch Zufall sind wir auf dieses Heftchen aufmerksam geworden. Denn nach dem Drehbuch haben die Regisseure den meisten Einfluß auf den Erfolg eines Films, ob im Fernsehen oder im Kino. Der Regisseur baut sich in seinem Kopf "seinen" Film zusammen, wählt Schauspieler, Kameramann (oder -Frau), Requisiten und Drehorte aus - und wenn die Kosten klar sind, legt er los. Bislang liegt uns nur das Heft 7 einer kleinen Serie von Biografien vor. Die anderen Hefte suchen wir noch.
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Regisseur-Biographie "Lotte Reiniger"
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Lotte Reiniger und ihr Werk
Lotte Reiniger ist die einzige deutsche Regisseurin (vom zweifelhaften Ruhm der Leni Riefenstahl abgesehen), deren Werk in die Filmgeschichte eingegangen ist.
Von ihr sind die ersten wesentlichen Impulse zur Gestaltung und zum Selbstverständnis des Animationsfilms ausgegangen. Sie entwickelte eine eigenständige und unabhängige Ästhetik in ihren Filmen, die einen großen Einfluß auf die Entwicklung des Genres hatte.
Mit allen Konsequenzen verwirklichte Lotte Reiniger eine Fortführung der Bildenden Kunst durch den technischen Apparat des Films. Aus diesem Bewußtsein heraus zog sie eine scharfe Zäsur zwischen Animations- und Realfilm.
Ihr Ausgangspunkt waren die Scherenschnitte des 18. und 19. Jahrhunderts, die damals vielfach zu Schattenspielen gedient hatten und so mit diesem äußerst populären Theater zu einer eigenen Kultur verhalfen. Auch für die „Laterna magica" sind vorzugsweise Silhouetten benutzt worden. Eine gewisse Affinität zum Film bestand also von jeher.
Die in der Regel doch ungelenken, in ihren Dimensionen schlichten Schattenspiele sind von Lotte Reiniger zur höchsten Perfektion erweitert worden, wobei sie natürlich in vielen Dingen durch die gegebenen Möglichkeiten des Films unterstützt wurde.
Die Schattenspiele
Die Künstlerin schneidet die Figuren, den Hintergrund, kurz alles, was später im Film zu sehen ist, aus schwarzem Karton. Mit Drähten werden die unzähligen Glieder der Puppen verbunden. Unbeweglich und roh ist dem jedoch noch kaum ein Reiz abzugewinnen. Erst auf der Leinwand entsteht dann die zauberhafte Filmwelt mit den zarten, pittoresken Figuren, die sich elegant vor und durch den ornamentalen, arabeskenhaften Hintergrund bewegen. Wir werden Zeuge erwachenden Lebens. Papier ist nicht mehr jenes Material, das wir kennen, sondern Baustein einer anderen Welt, mit einer neuen, visuellen Wirklichkeit. Diese ist synthetisch, abstrakt und rein.
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DIE ABENTEUER DES PRINZEN ACHMED
Mit bewundernswerter Epik beschreibt Lotte Reiniger das in ihrem zwischen
1925 und 1926 entstandenem Meisterwerk DIE ABENTEUER DES PRINZEN
ACHMED, dem ersten langen Trickfilm der Filmgeschichte.
Der Film besticht vor allem durch seine verblüffende Modernität, gemessen
am Stand der damaligen technischen Entwicklung. So ist z. B. der Hintergrund
in verschiedenen Tönungen eingefärbt. Aber auch ihre unzähligen Kurzfilme
strahlen eine für sie typische unverbrauchte Poetik aus.
Es sind Märchen, die von Lotte Reiniger immer wieder beschrieben werden,
und zwar so, wie man sie als Kind erlebt hat. Hier gibt es den Schrecken,
das Erwachen, das große Glücklichsein und die Freude. Aber auch Angst, Zerstörung und Gewalt: ganz undefinierbar, selbstzweckhaft - als Anlaß für Empfindungen. Nicht die literarischen Momente (der Vorlagen) bringen sie in Bewegung, vielmehr ist es die „visuelle Erscheinung der Wesen" (Balàzs), den Produkten eines Mediums aus Bewegung und Licht.
Zwangsläufig reagieren und fühlen sie nach den Gesetzen der anderen Welt, die sich von der unseren befreit hat. Ihre Existenz erlischt darum, sobald im Zuschauerraum das Licht wieder angeht. Man darf gar nicht erst versuchen, in diesen Filmen Signale aus der gegenwärtigen Realität zu entdecken. Wir erlebten, wie Märchenfiguren litten und glücklich waren, wobei wir mit ihnen gefühlt haben. In Erinnerung bleibt aber ein Film von großer Schönheit und man stellt fest, daß sie es von Anfang an war, die uns gefesselt hat - nicht die Problematik.
Welche Schwierigkeiten Regisseure mit Animationsfilmen haben, an denen gesellschaftliches Verhalten oder politisches Engagement als solches demonstriert werden soll, ist häufig zu beobachten. Denn, „Die Gewalt, die eine Silhouette verwandelt, ist nicht Psychologie und nicht Optik, sondern die Schere!" (Balàzs in „Der Geist des Films").
Lotte Reiniger hat das immer gewußt und berücksichtigt. So ist das Abenteuerliche an ihren Filmen immer von den sich bewegenden Formen und Figuren abzuleiten. Atmosphäre entsteht, sowie eine ständige Distanz zwischen den Bildern des Films und dem Zuschauer. Dennoch ist er aufgefordert, sich ihnen hinzugeben, da nur aus ihnen etwas zu entnehmen ist. Sucht man nach einem Dahinter, löst sich der Film in ein kapriziöses Nichts auf.
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Biografisches zu Lotte Reiniger *1)
Geboren am 2. Juni 1899 in Berlin. Erste Kontakte mit dem Film 1915 anläßlich eines Vortrags von Paul Wegener.
„Ich lernte Paul Wegener damals noch nicht kennen. Aber ich hörte einen Vortrag von ihm, in dem er die Möglichkeiten des Trickfilms besonders hervorhob. Daraufhin war ich entschlossen, alles daranzusetzen, um ihn kennenzulernen und ging deshalb auf die Schauspielschule des Deutschen Theaters (Max Reinhardt). Von dort aus gelang es mir, seine Aufmerksamkeit auf meine Silhouetten zu lenken, die ich von den Schauspielern in ihren Rollen schnitt.
Er half mir in jeder Weise und ließ mich 1918 die Titelvignetten für seinen Film DER RATTENFÄNGER VON HAMELN machen. Er machte mich 1919 mit einer Gruppe von jungen Filmenthusiasten (Institut für Kulturforschung Dr. Hans Curlis) bekannt, die es mir ermöglichten, 1919 meinen ersten Silhouettenfilm zu machen" (Lotte Reiniger).*2)
Ab 1919 macht Lotte Reiniger selbst Filme. Sie gehört bald zur Avantgarde des deutschen Stummfilms. Ihr eigenwilliger Stil wird über die Grenzen hinaus berühmt. In Frankreich gehörte Jean Renoir zu dhren Bewunderern.
*1) Biographie und Filmographie wurden von Lotte Reiniger persönlich auf ihre sachliche Richtigkeit hin überprüft. Im Gegensatz zu einigen anderen
Quellen kann damit insbesondere die Filmographie als vollständig und richtig angesehen werden. (Hrsg.)
*2) Alle wörtlichen Zitate stammen aus der Korrespondenz zwischen Lotte Reiniger und dem Institut für Film und Bild, München.
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Zitate :
„Mein Mann (Carl Koch) und ich lernten Jean Renoir 1926 in Paris kennen, bei einem Pressefrühstück anläßlich der Uraufführung des PRINZEN ACHMED, und wir wurden Freunde. Carl Koch arbeitete als Co-Szenarist mit Jean Renoir an MADAME BOVARY, LA GRANDE ILLUSION, LA BETE HUMAINE, LA MARSEILLAISE, LA REGLE DU JEU. 1940 verfilmte Carl Koch TOSCA nach einem Drehbuch Renoirs" (Lotte Reiniger).
Lotte Reiniger hatte u. a. auch Kontakt zu Fritz Lang, für dessen Film DIE NIBELUNGEN (1923) sie ursprünglich eine Sequenz mit Silhouetten schaffen sollte. „Ich habe lediglich ein paar Adler ausgeschnitten. Da ich aber einsah, daß der von Lang gewünschte Effekt damit nicht zu erreichen war, schlug ich ihm vor, Ruttmann die Sequenz machen zu lassen - was Lang dann glücklicherweise auch tat" (Lotto Reiniger).
Während des Dritten Reiches arbeitet Lotto Reiniger nur noch vereinzelt in Deutschland.
„Meine Silhouettenfilme wurden keineswegs ignoriert, sondern im Gegenteil sehr gern gesehen (gesunde Erotik!). Aber ich wollte mich nicht dazu bereit erklären, lediglich Reklame- und Propagandafilme zu machen und zog es deshalb vor, nach England zu gehen. Das war 1936." (Lotte Reiniger).
Als Geste der Anerkennung ihres Werkes bittet Renoir Frau Reiniger, für LA MARSEILLAISE eine Schattenspielsequenz herzustellen. Ab 1936 dreht Lotte Reiniger, von einer Ausnahme (1944) abgesehen, nicht mehr in Deutschland.
Während der Bombenangriffe auf Berlin werden fast alle früheren Filme der Künstlerin zerstört.
Als 1945 der Krieg zuende war ....
1945 ist Lotte Reiniger vorübergehend als Bühnenbildnerin am Märchentheater (im Theater am Schiffbauerdamm) der Stadt Berlin tätig. Anschließend siedelt sie mit ihrem Mann endgültig nach London über, wo sie zuerst Werbefilme dreht, dann Dekorationen für verschiedene Bühnen entwirft und schließlich bei Schattenspielen der BBC mitarbeitet.
Nach 1953 arbeitet sie für die Primrose Productions, die von Louis Hagen für die Reinigers gegründet worden war und der es gelang, aus den in der Nationalen Filmbibliothek deponierten Mustervorlagen neue Negative herzustellen. Vor allem Fernsehanstalten waren die Abnehmer der Produktionen.
Ausführliche Versuche mit der Integration von Silhouettenfilmen in Theateraufführungen machte Lotte Reiniger zu Beginn der sechziger Jahre.
Am 1. Dezember 1963 stirbt Carl Koch, der einen wesentlichen Anteil an fast allen ihren Filmen hatte.
1967 tritt Lotte Reiniger mit einem eigenen Schattenspiel, das sie im Londoner Arts Theatre aufführt, wieder an die Öffentlichkeit. Zwei Jahre später stellt sie mit selbstkonstruierten Stabpuppen für das Kinderprogramm des A.T.V. Network Episoden aus dem Alten und Neuen Testament dar. Sie schreibt ein Buch über Schattenspiel und Schattenfilme, das 1969 erschien. Lotte Reiniger lebt heute (1954) in London.
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Filmographie Lotte Reiniger *1)
a. Mitarbeit
1918 | DER RATTENFÄNGER VON HAMELN | |
Produktion: PAGU, Berlin | ||
Regie: Paul Wegener | ||
Lotte Reiniger: Silhouetten für die Zwischentitel | ||
APOKALYPSE | ||
Produktion: PAGU, Berlin, im Auftrag des Auswärtigen Amtes kurz | ||
nach Kriegsende | ||
Regie: Rochus Gliese | ||
Lotte Reiniger: Verschiedene Silhouetten | ||
1920 | DER VERLORENE SCHATTEN | |
Produktion: PAGU, Berlin | ||
Regie: Rochus Gliese | ||
Lotte Reiniger: Tricksequenz mit der auftauchenden und verschwin- | ||
denden Zaubergeige | ||
1929/ | ||
1930 | DIE JAGD NACH DEM GLÜCK | |
Produktion: Comenius-Film, Berlin | ||
Regie: Rochus Gliese | ||
Buch: GMese und Carl Koch | ||
Lotte Reiniger: Drehbuchmitarbeit und zweiaktiger Silhouettenfilm | ||
im Film | ||
1933 | DON QUICHOTTE | |
Produktion: Vandor-Nelson-Wester, Paris | ||
Regie: Georg Wilhelm Pabst | ||
Lotte Reiniger: Anfangstricksequenz | ||
1938 | LA MARSEILLAISE | |
Produktion: Societe de Production et d'exploition du Film LA MAR- | ||
SEILLAISE | ||
Regie: Jean Renoir | ||
Lotte Reiniger: Sequenz des Schattentheaters vor der Hofgesellschaft | ||
1953/ | ||
1970 | EIN SCHERENSCHNITTFILM ENTSTEHT (Lotte Reiniger bei der | |
Arbeit) (ursprünglicher Titel: YOU'VE ASKED FOR IT) | ||
Produktion: Primose Productions, London | ||
Dokumentarfilm über Lotte Reiniger, ihre Arbeitsweise und ihre Filme | ||
(Der Film wurde im Auftrag und in Zusammenarbeit mit dem Institut | ||
für Film und Bild, München, 1970 umgearbeitet und synchronisiert.) |
b. Regie
1919 | DAS ORNAMENT DES VERLIEBTEN HERZENS |
1920 | AMOR UND DAS STANDHAFTE LIEBESPAAR |
1921 | DER FLIEGENDE KOFFER |
DER STERN VON BETHLEHEM | |
1922 | ASCHENPUTTEL |
DORNRÖSCHEN | |
1923 | DIE ABENTEUER DES PRINZEN ACHMED |
1926 | (Die Geschichte des Prinzen Achmed) |
1928 | DER SCHEINTOTE CHINESE |
DOKTOR DOLITTLE UND SEINE TIERE | |
1. Abenteuer: Die Reise nach Afrika | |
2. Abenteuer: Die Affenbrücke | |
3. Abenteuer: Die Affenkrankheit | |
1930 | ZEHN MINUTEN MOZART |
1931 | HARLEKIN |
1932 | SISSI |
1933 | CARMEN |
1934 | DAS ROLLENDE RAD |
DAS GESTOHLENE HERZ | |
1935 | DER KLEINE SCHORNSTEINFEGER |
GALATHEA | |
PAPAGENO | |
1936 | THE KING'S BREAKFAST |
1937 | TOCHER |
1939 | DREAM CIRCUS |
L'ELISIR D'AMORE | |
1944 | DIE GOLDENE GANS |
1951 | MARTY'S BIRTHDAY |
1953 | ALADDIN |
THE MAGIC HORSE | |
SNOW WHITE AN ROSE RED | |
1954 | THE THREE WISHES |
THE FROG PRINCE | |
THE GALLANT LITTLE TAILOR | |
THE SLEEPING BEAUTY | |
CALIPH STORCH | |
1955 | HANSEL AND GRETEL |
THUMBELINA | |
JACK AND THE BEANSTALK | |
THE GRASSHOPPER AND THE ANT | |
(Der Heuschreck und die Ameise) | |
1956 | THE STAR OF BETHLEHEM (Silhouetten vor farbigem Hintergrund) |
1957 | HELEN LA BELLE (Figuren und Dekorationen in Farbe) |
1958 | THE SERAGLIO |
1960 | THE PIED PIPER OF HAMELIN |
1961 | THE FROG PRINCE |
1962 | WEE SANDY |
1963 | CINDERELLA |
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Quelle
Beiheft des Instituts für Film und Bild, München, zu dem Film EIN SCHERENSCHNITTFILM ENTSTEHT (Lotte Reiniger bei der Arbeit).
geschrieben von H. S. (wann ?)
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